Als der Frühling gerade begann sanft seine Glieder
auszustrecken um die Knospen der Bäume zu berühren packte ich meinen Rucksack
und brach auf. Mit einem leichten klacken viel die Tür hinter mir ins Schloss
und mit gewohntem Griff zog ich die Riemen meines Rucksacks fest und prüfte
durch leichtes hin und her Schwanken ob das Gewicht gut verteilt war. Mit dem
Bus und der Straßenbahn ging es durch die Stadt zur Autobahnauffahrt, vorbei an
hektischen Geschäftsleuten im Anzug, einer Mutter die ihre zwei schreienden
Kinder an einer Eisdiele vorbeizog und einer wild durcheinander plappernden
asiatischen Reisegruppe. All das würde ich jetzt hinter mir lassen um ganz in
den Augenblick einzutauchen, ganz da zu sein in jedem Moment der Begegnung. Mit
Menschen, Kulturen und mir selbst.
Das Gefühl richtig aufzubrechen hatte ich erst als ich aus Bern loszog, nach
dem Besuch bei einer guten Freundin. Noch ganz erfüllt von der kurzen aber sehr
schönen Zeit fuhr ich zur Autobahnauffahrt. In den letzten Tagen hatte sich
meine Reiseroute noch einmal geändert. Der Plan war jetzt erst nach Süditalien
zu trampen von dort ein Schiff nach Albanien zu nehmen um anschließend von
Piräus bei Athen weiter mit dem Schiff durch die Ägäis nach Izmir zu fahren.
Zwar war ursprünglich der Plan die gesamte Strecke zu trampen, allerdings
kannte ich die Balkanroute schon, wollte etwas Neues ausprobieren und Freunde
in Tirana und Izmir besuchen.
Durch die Schweiz flog ich nur so dahin, wobei bei jedem Erwähnen meines
Reiseziels ein überraschter manchmal auch ungläubiger Blick oder ein lautes
Lachen die Reaktion war. Zum Abschied aus der Schweiz bekam ich zwei Tafeln
Schokolade geschenkt und meinen ersten Schlafplatz fand ich kurz hinter Mailand
in einem alten Bauernhof. Dort hin brachte mich die letzten 100 km Mohamed.
Seit sieben Jahren in der Schweiz lebend war sein Schweizerdeutsch allerdings
immer noch sehr brüchig und die Verständigung gestaltete sich schwierig, bis
ich bemerkte, dass er mich sehr viel besser verstand, wenn ich ebenfalls auf
meine sehr bescheidenen Schweizerdeutsch Kenntnisse zurückgriff. Da ich erst um
kurz vor Mitternacht ankam traute ich mich nicht mehr bei dem alten Bauernhof hinter
der Raststätte zu klingeln um nach einem Schlafplatz zu fragen und so rollte
ich meine Isomatte einfach in einem alten Traktoranhänger unter einem Vordach aus.
Am nächsten Morgen zog ich gerade die letzten Riemen an meinem Rucksack fest,
als ein alter Mann in dreckiger Arbeitskleidung und einer schief sitzenden
Mütze um die Ecke gehumpelt kam. Nach einem kurzen Moment der Überraschung hob
er zu meiner Erleichterung jedoch lächelnd die Hand um so etwas wie „No
Problema“ zu murmeln. Froh das die Situation so Reibungslos verlaufen war
machte ich mich auf den Rückweg zur Raststätte als der Alte mich winkend in eine
seiner Scheuen bat um mir voller Stolz eine lange Reihe winziger Käfige zu
zeigen in denen zahlreiche Kaninchen gehalten wurden. Etwas erschrocken und
unsicher wie ich reagieren sollte streichelte ich ein paar Tiere die sich kaum
in ihrem Käfig umdrehen konnten. Schließlich fragte er mich noch nach meiner
Herkunft und mit einem warmen Lächeln verabschiedete er mich.
Beim Trampen kam ich mit Englisch, Französisch und Spanisch
schnell an meine Grenzen und so gestaltete es sich recht schwierig die Menschen
nach ihrem Weg zu fragen. Schließlich fand ich jedoch einen jungen
Geschäftsmann und meine ersten italienischen Sätze die ich lernte waren:
„Entschuldigung, in welche Richtung fahren Sie“, „Fahren Sie Richtung …“ und
„können Sie mich mitnehmen“. Damit ging es anschließend deutlich besser und
schon bald saß ich bei Giuseppe und Mimma im Auto, einem älteren Ehepaar das
bis fast nach Bari fuhr, der Stadt in Süditalien in der ich am Abend die Fähre
nach Albanien nehmen wollte. Schon bald war klar, dass ich ab jetzt ihr
Schützling war und so wurde nach 10 Minuten verkündet, dass ich von ihrem Ziel
aus den Zug bis nach Bari nehmen würde, wobei sie mir selbstverständlich das
Ticket bezahlen würden. Nach kurzem Zögern willigte ich ein, dankbar zu wissen,
dass ich meine Fähre heute Abend sicher erreichen würde.
So genoss ich die Fahrt auf der Autostrada Adriatica während linkerhand die
Adria tiefblau schimmerte und rechterhand weite Hügel dahin zogen vor einer beeindruckenden
Wolkenkullisse und die Vegetation zunehmend mediterraner wurde. Passend zu
meiner Stimmung lief im Radio „Hit the road Jack“, allerdings auf Italienisch! Überrascht
war ich wie gut wir uns unterhalten konnten. Wenn Mimma langsam Italienisch
sprach verstand ich fast 80% und auch zu meinem Mix aus Spanisch und
Französisch wurde meist zustimmend genickt. Zum Mittagessen teilten die Beiden
mit mir ihre Sandwiche und schließlich verabschiedeten wir uns am Bahnhof von
Barletta, nachdem ich versichert hatte mich aus Tirana zu melden und mich Mimma
noch einmal bat auf mich aufzupassen und mit leicht feuchten Augen umarmte.
10 Minuten Bus und Bahnfahrt kosteten mich in der
Schweiz 4,60 Fr. Für 45 Minuten Bahnfahrt in Italien zahlte Guiseppe 4,50 €.
Ich hätte nicht gedacht das es in Europa solche Preisunterschiede gibt.
In Bari angekommen lief ich durch die Altstadt zum Hafen und das erste Mal
fühlte ich mit voller Kraft das Glück unterwegs zu sein. Ein warmer Wind blies
mir entgegen und mein Gepäck wog plötzlich nur die Hälfte. Mit weiten Schritten
lief ich durch die Altstadt, bestaunte die alten Kirchen aus der Zeit der
Kreuzfahrer und kaufte mir an einem Straßenstand frittierte Polenta. Am Abend betrat
ich das Schiff nach Albanien und mit dem Ablegen hatte ich nun endgültig das
Gefühl in ein neues Abenteuer aufzubrechen.










