Abschied & Einsamkeit

Heute hier, morgen dort
Bin kaum da, muss ich fort
Hab‘ mich niemals deswegen beklagt
Hab‘ es selbst so gewählt
Nie die Jahre gezählt
Nie nach Gestern und Morgen gefragt

Hannes Wader

Ich habe mir das alleine Reisen gewählt, wohl bewusst was es bedeutet. Häufig fühlt es sich so an, als sind die Berge höher und die Aussicht umso überwältigender, dafür aber die Täler tiefer und düsterer. Über einen Monat war ich jetzt nicht mehr alleine unterwegs, zuerst ging es mit einer Freundin aus Indien bis nach Aserbaidschan, dann war ich einen ganzen Monat in Baku mit Medizinstudenten aus aller Welt und anschließend noch einmal eine ganze Woche in den Bergen Georgiens mit einer Freundin aus Tschechien. Freundschaften sind entstanden und haben sich entwickelt. Man hat einen Alltag geteilt, ein Zimmer, ein Zelt. Doch auch wenn es anfangs noch so fern schien, kommt der Moment in dem man voreinander steht, bereit zum Abschied und sich fragt wo die ganze Zeit geblieben ist, die am Anfang noch so unendlich schien. Besonders nach dieser sehr intensiven und schönen Zeit trifft mich die Realität wieder alleine unterwegs zu sein. 

Während ich an einem wunderschönen Fluss im Süden Georgiens dem Wasser lausche wandern meine Gedanken zurück zum Abschied und zu der Zeit die Vergangen ist, seitdem ich Baku verlassen habe mit dem Ziel eigentlich nur drei Tage in Georgien zu verbringen. Aus den drei Tage ist über eine Woche geworden. Mit Tereza, einer Freundin aus Baku, die Teil der Gruppe Medizinstudenten war trampe ich nach Tbilisi. Dort übernachten wir bei alten Freunden und eine weiter Freundin Terezas stößt hinzu. Gemeinsam fahren wir in die Berge und laufen vier Tage durch wilde und einsame Berglandschaften immer wieder mit Blick nach Russland. Einmal überqueren wir sogar verbotener Weise die Grenze und schnuppern etwas russische Luft. Die Tage sind lang und anstrengend doch die Weiten und die Unberührtheit der Natur zieht uns in ihren Bann und lassen uns die Anstrengungen vergessen. Das Wasser aus den eiskalten Gebirgsbächen schmeckt hundertmal besser als jedes abgepackte Nass aus dem Supermarkt. Doch nicht nur Georgiens Schönheit entfaltet sich vor uns, auch die Freundschaften werden tiefer. Es ist Zeit für Gespräche an langen Abenden. 

Umso mehr spüre ich jetzt was es bedeutet wieder alleine unterwegs zu sein. Zu sehr habe ich mich an die Gemeinsamkeit gewöhnt. Mit einer langen Umarmung verabschiede ich mich und obwohl wir schon weit auseinander sind drehe ich mich noch einmal um, um ihr in der blauen Regelhülle nachzusehen die schon fast im Verkehr verschwindet. Fast ist sie schon aus meiner Sicht, da dreht auch sie sich noch einmal um. 

Meine Schuhe wiegen schwer als ich langsam aus der Stadt laufe, die Gedanken kreisen um die letzten Tage. Ich gehe, weil ich es mir vorgenommen habe, weil es der Plan war. Von Freude auf ein neues Land ist kaum etwas zu spüren. Ich bin müde von Abschied nehmen, vom neu Aufbrechen. Bei all den schönen Filmen und Erzählungen vom Reisen, bei den schönen Bildern und spannenden Anekdoten fehlt jedoch oft dieser Teil, der Teil des Abschied Nehmens. Wie in Trance laufe ich aus der Stadt, dabei scheint jede Straße neu zu sein nur ich laufe auf einer rauen Schotterpiste. Kaum ein Auto fährt in meiner Richtung, was mir im Moment sehr recht ist. Ich will den Menschen aus dem Weg gehen, will für mich sein mit meinen Gedanken ohne Reden zu müssen über Dinge die mich gerade nicht interessieren. Schließlich werde ich mitgenommen, doch ich muss mich zu einem Gespräch zwingen. Den ganzen Nachmittag über geht es mir ähnlich. Ein Mann wiederholt mehrmals, dass es mich sehr bewundert, für dass was ich tue und dass ich sicher viel dabei lerne. Ja antworte ich, jede Reise nach Außen ist irgendwo auch eine nach innen, aber was man dabei sieht und lernt ist offen. 

Ich habe mich auf den Weg gemacht um beides zu entdecken und beides hinterlässt Spuren. Manche sind schwer zu sehen und zeigen sich erst nach langer Zeit, wenn man wieder zurück ist. Andere sind eindeutiger und offensichtlicher, wie das Armband das seit kurzem mein Handgelenk schmückt.  


1 thought on “Abschied & Einsamkeit”

  1. Oh Moritz! Wie schön durch deinen Blog in deine Reisewelt eintauchen zu können und auch wenn du so fern bist, ich fühl mich ganz nah bei dir. Danke – dass du auch diese Seite des Reisens mal zeigst und beschreibst. Neben den Abenteuern und Kulturerfahrungen eben auch ein großer Teil. Nach jedem Tief kommt ein Hoch und ich bin mir sicher, inzwischen bist du wahrscheinlich schon wieder am voll und ganz genießen und erleben.
    Wir vermissen dich hier! Und freuen uns auf dich wenn du wiederkommst! Von den Treppen eines Tanzfestivals in Konstanz am Bodensee ganz viel Miña Liebe zu dir. Deine Maya
    (und Sarah)

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