Iran 2017

Vor 2 Jahren führte mich eine Reise mit meiner damaligen Freundin per Anhalter durch den Iran. Über diese Zeit haben wir gemeinsam einen Artikel geschrieben, der hier auch seinen Platz finden soll. Mein Dank gilt besonders Brit Marie für die Einwilligung auch ihren Teil hier zu veröffentlichen und für die wunderbare Zeit die wir gemeinsam hatten.

Begegnungen einer Reise

Wie wir in den Osten trampten

Ein Reisebericht von Brit Marie Abele und Moritz Plagemann.

Moritz: Stille. Weicher Sand drückt sich zwischen meinen Zehen hindurch, noch kühl von der Nacht. Der Tag kündigt sich schon an, doch die Dunkelheit versucht sich noch festzuhalten an den letzten Sternen im Westen, will noch nicht gehen. Schweigend erklimmen wir langsam die steile Sanddüne in der Varzaneh-Wüste, wobei unsere nackten Füße bis über die Knöchel in dem flüssigen Stein versinken. Bei jedem Schritt fließen kleine Sandbäche hinab. Über die Jahrtausende von den Elementen aus seiner festen Form gelöst und von dem Wind zu einem wilden Ozean geformt, erstreckt sich der Sand endlos bis zum Horizont. Welle um Welle um Welle reiht sich aneinander und irgendwo dazwischen kauert unser kleines grünes Zelt. Am höchsten Punkt angekommen, hüllen wir uns fröstelnd in einen Schlafsack und blicken Richtung Osten. Langsam wird aus dem tiefen Blau am Horizont ein Violett und schließlich ein Rot. Mit den ersten Strahlen, die die empfindliche Kühle der Nacht vertreiben, werden die Wogen um uns herum in leuchtendes Rot gehüllt. Eine erwartungsvolle Stille liegt über dem Moment. Man hört kein Auto, keinen Wind, keinen Vogel. Es ist, als hätte alles den Atem angehalten, um in Ehrfurcht den Sonnenaufgang in voller Pracht zu genießen. Neben mir huscht ein kleiner Skorpion die Düne hinab, um sich vor der aufgehenden Sonne zu verkriechen, die bald mehr und mehr ihre ganze Kraft entfaltet.

Brit Marie: Ich wollte trampen und spontan unterwegs sein. Von heute auf morgen leben und den nächsten Moment aus dem vorherigen entstehen lassen. Fremde Menschen und Kulturen kennenlernen und Abenteuer erleben. Frische Luft riechen, mich Begegnungen stellen, durch Erfahrungen lernen. Georgien schien mir dafür ein geeignetes Ziel, weit genug weg um eine Herausforderung zu sein und doch erreichbar. Außerdem wollte ich dort liebe Freunde besuchen.

Als ich aufbrach, hatte ich, obwohl ich versuchte mein Gepäck klein zu halten, von Zelt und Titankochtöpfen über Kosmetik bis hin zum Essen für zehn Tage alles dabei, was ich meinte zu brauchen. Mein Rucksack war fast größer als ich und beim Laufen schwankte ich, weil er so schwer war.

Die erste Probe im „alleine Reisen“ stand mir im Triglaws-Nationalpark in Slowenien bevor, wo ich alleine wandern gehen wollte. Ich ließ mich in Bled absetzen und marschierte nur anhand von „MapsMe“ in den Park. In dieser Kartenapp sind keine Höhenlinien eingezeichnet und so schleppte ich mich schon bald ungeplanterweise mit 25kg auf dem Rücken steil bergauf. Ich stieg und stieg, mein Atem ging schwer und der Schweiß rann an meinem Körper hinunter. Etwas trieb mich an, die Gedanken in meinem Kopf drehten Kreise, „warum mache ich das überhaupt?“. Ich zog meine eigenen Entscheidungen in Zweifel und hielt es fast nicht aus, so ganz mit mir alleine zu sein.

Als ich abends erschöpft zwischen ein paar verlassenen Häusern mein Zelt aufschlug, schrieb ich in mein Tagebuch: „Das klingt alles so einfach, ist es auch. Das, was es schwierig macht, bin ich und meine Gedanken und Gefühle. […] Jetzt ist es Zeit zu lernen, Entscheidungen zu treffen, dazu zu stehen und das Beste draus zu machen.“ Kurz, „ja“ zu sagen und voll in die Erlebnisse einzutauchen. Tatsächlich half mir die erneute körperliche Anstrengung am nächsten Tag, aus diesen Gedankenspiralen auszusteigen und zurück in die Wirklichkeit zu kommen. Abends hielt ich die Schönheit der Natur, die ich erlebt hatte, in meinem Tagebuch fest: „Die slowenischen Wälder sind so schön! So frisch, so grün! Und Sonne und Wind haben mir einen warmen Waldgeruch entgegengeweht. Immer wieder zwischendrin sind saftige Wiesenmatten mit kleinen Häuschen und ein paar Kühen. Es ist traumhaft! Und so ruhig. Man hört nur Waldgeräusche, den Wind und den Kuckuck.“

Es war eine intensive Erfahrung, dennoch war ich grundsätzlich am Zweifeln, an mir und meiner Reise, am Sinn, und vermutlich hätte ich meine Reise abgebrochen, hätte mich nicht am nächsten Tag ein Schweizer Pärchen mit einem Reisebus vom Straßenrand aufgesammelt. Ich war einen Tag lang mit ihnen unterwegs und die Unterhaltung mit ihnen gab mir neuen Mut. Sie kannten die Erfahrungen, die ich gemacht hatte, und sie versicherten mir, dass es immer eine Eingewöhnungsphase gibt, in der man wieder lernen muss loszulassen. Schlussendlich ist es die Kunst den Moment zu leben, die das Leben lebenswert macht.

Wenige Tage später hatte ich so losgelassen, dass ich gefühlt von außen gelenkt wurde. Ich wollte zum Meer. Frohgemut atmete ich die warme Morgenluft und kaute noch auf den Resten meines Apfels, während ich entspannt und zielstrebig Richtung Autobahn spazierte. Ein älterer Mann kam mir entgegen, in der Hand eine kleine Einkaufstasche und über dem freundlichen Gesicht auf dem kurzen grauen Haar eine Baskenmütze. Sein dicklicher Bauch unter dem schwarzen Pulli veranlasste ihn dazu kleine gemütliche Schritte zu machen. Ich grüßte freundlich. Mit einem kritischen Blick auf meinen Rucksack und die Pappe in meiner Hand fragte er mich in gebrochenem Englisch, ob ich trampen wollte und wohin. Ans Meer. „Dann stell dich am besten gleich an diese Auffahrt, hier fahren oft Tramper weg.“ Mit einem zweiten Blick auf meine Pappe fügte er hinzu, „schreib KP auf dein Schild, das steht für Koper, da musst du hin, das ist am Meer.“ Verwundert bedankte ich mich und obwohl das nicht meinem ursprünglichen Plan entsprach, tat ich, was er empfohlen hatte. Ich fand die Stelle, von der er gesprochen hatte, und siehe da, fünf Minuten später hielt ein dunkelblauer alter Opel und nahm mich mit.

Nach einem Tag voller glücklicher Zufälle und großherzigen Begegnungen saß ich dann abends am Strand der nördlichen Küste von Kroatien und erfrischte meine Füße im salzigen Wasser des Mittelmeers. Ich hatte Vertrauen in mich und meine Ausrüstung, hatte alle Erwartungen losgelassen, mich für alle Möglichkeiten geöffnet und auf einmal kamen die Möglichkeiten zu mir. Der Tag endete damit, dass ich zusammen mit drei jungen kroatischen Männern, begleitet vom Rauschen der Wellen und einer Ukulele, ein Lied über mich und meine Reise sang, das wir gemeinsam geschrieben hatten.

Kroatien ist ein lebendiges Land mit klarem Salzwasser, das türkisgrün auf weißen Kiesstränden spielt, mit hunderten kleinen Inseln, von denen jede ihren eigenen Charakter hat, mit Blumen und Pflanzen in kräftigen Farben und verspielten Formen. In Steinbuchten kann man ungestört baden und die Freude durchzuckt quicklebendig den ganzen Körper, wenn das kühle Wasser die Füße umspült. Kleine Häfen gibt es, mit bunten Schiffen, niedlichen Cafés und engen Gassen, die sich zwischen sandfarbenen Häusern ins Dorf hochwinden. Eine Insel ist autofrei, die Menschen dort lieben die Ruhe und sind zu Fuß unterwegs. An einer Ecke steht ein verrostetes Klappfahrrad und die Feuerwehr ist ein alter roter Traktor in einer rot gestrichenen Garage. Das spannendste Ereignis eines jeden Tages ist das Anlegen der Fähre, die Wasser, Lebensmittel und vielleicht ein paar Touristen mitbringt. Auf einer anderen Insel bringt ein alter Fährmann die Dorfbewohner jeden Sonntag in einem Ruderboot auf die benachbarte kleine Insel in die Kirche und wieder zurück.

Die großen Städte und Touristenstrände sah ich nicht, denn per Anhalter und mit kleinen Fähren zeigte mir die junge Frau, die ich beim Couchsurfen kennengelernt hatte, ihr Land von der Seite, die sie liebt.

Während dieser Zeit war mir mein Gepäck immer mehr zu schwer geworden und ich hatte gemerkt, was ich alles nicht brauchte. Tatsächlich fuhr ich nochmal den ganzen Weg nach Hause, packte alles aus, besorgte mir einen kleinen Rucksack und packte nur noch eine Wechselgarnitur, ein bisschen Erste Hilfe und eine Zahnbürste ein, nahm meinen Schlafsack in die Hand und zog wieder los. Ich brauchte die Sicherheit des großen Gepäcks nichtmehr, weil ich durch die Erfahrungen, die ich gemacht hatte, genügend Selbstsicherheit bekommen hatte. Anfangs brauchte ich es zu wissen, dass ich für den Notfall alles dabeihabe und dass ich unter Umständen einige Zeit in der Wildnis überleben könnte. Doch diese Sicherheit wurde mehr und mehr zu Ballast und mit der Erfahrung wuchs auch mein Vertrauen, dass ich immer das finden würde, was ich gerade brauchte, und ich konnte viel freier unterwegs sein.

Oft fragen mich Menschen, ob ich jemals schlechte Erfahrungen gemacht habe, so als junge Frau alleine per Anhalter unterwegs. Ja, was man „schlechte“ Erfahrungen nennt, habe ich gemacht und ich bin für jede einzelne dankbar! Die Straßenhunde in Griechenland raubten mir am Anfang der Nacht in Thessaloniki den Schlaf, ich verscheuchte sie. Im Morgengrauen musste ich mich vor einem Dieb behaupten, der mit meinem Rucksack abhauen wollte. Zum Glück wachte ich vom Geräusch meiner Flasche auf, die neben mir auf den Boden fiel. Barfuß rannte ich ihm hinterher und holte mir meine Sachen zurück. Ein türkischer LKW-Fahrer versuchte mich mit Erotikvideos in Stimmung zu bringen, nachdem ich ihm jedoch versicherte, dass ich generell keinen Sex habe und dass ich jetzt aussteigen wolle, was wegen mangelnder gemeinsamer Sprachkenntnisse recht lange dauerte, fragte er mich beim Aussteigen auf dem Seitenstreifen, ob ich ihm wenigstens noch einen blasen würde. Nein! In Georgien zog mir ein Autofahrer mein T-Shirt hinunter, mit der Entschuldigung, meine Brüste seien so groß und er hätte nachschauen müssen ob sie echt seien. Wütend über diese Unverschämtheit konnte ich sehr klar „nein“ sagen, „lass mich raus“, ohne Zögern und Lächeln. Mehrmals wurde dieses klare Nein auf die Probe gestellt und ich lernte mehr und mehr zu merken, wo mein Nein ist und diese Grenze klar aufrecht zu halten. Je klarer ich war, in dem was ich wollte, desto weniger solche Situationen passierten mir.

M: An einem kühlen Sommermorgen begann meine Reise in den Iran. Die Sonne begann gerade so wärmend ihre Glieder über die Bäume auszustrecken, als mich mein Vater und meine Mutter zu einer Autobahnraststätte nahe Stuttgart brachten. Mit einem leicht besorgten Blick verabschiedete sich meine Mutter und mein Vater bestand darauf, noch ein Bild von mir mit meinem „Iran-Schild“ zu machen. Schließlich stand ich alleine da und vor mir die weiteste Strecke, die ich jemals trampen wollte. 3.300 km sollte es zuerst durch den ganzen Balkan, dann durch die Türkei bis nach Georgien gehen, wo ich meine Freundin Brit Marie treffen wollte, um mit ihr dann gemeinsam durch Armenien per Anhalter bis in den Iran zu fahren und anschließend, dieses Mal aber auf dem direkten Weg, durch die Türkei wieder zurück. Am Ende sollten es über 12.000 Kilometer sein, die wir per Anhalter zurücklegten.

 Mein erster Tag brachte mich nur bis nach Österreich an die Grenze zu Slowenien. Besonders in Erinnerung blieb mir die Begegnung mit Michael*. Sein Einfahren auf die Raststätte kurz hinter München bekam so ziemlich jeder in der Tankstelle mit. Das tiefe Röhren seiner Mercedes G-Klasse war kaum zu überhören und noch dazu war der ganze Wagen derart zugeklebt, dass die Konturen oder die Marke kaum zu sehen war. Während er mit sichtlichem Stolz, die verspiegelte Sonnenbrille auf die Glatze geschoben, eine gefühlte Ewigkeit tankte, versuchte ich mein Glück obwohl ich mir keine großen Chancen ausrechnete. Nach einem kurzen Zögern und drei Sekunden Denkzeit sagte er jedoch: „Okay, keine Fotos! Schon mal Prototyp gefahren?“. Die nächsten zwei Stunden wurde ich in sämtlichen Feinheiten und Raffinessen des Autos unterrichtet das erst in ein paar Monaten auf den Markt kommen sollte und an dessen Entwicklung er mitgewirkt hatte. Einstiegspreis: 100.000 €. Zwischendurch lieferte Michael sich noch schnell in einem Tunnel ein „Soundduell“ mit einem Maserati. Besonders in Erinnerung bei diesem Gespräch blieben mir jedoch nicht die 500 PS unter mir, sondern Michaels Antwort auf die Frage was für einen Sinn er in der Entwicklung solcher Autos sieht. Etwas nachdenklich meinte er: „Ich habe einfach meine Leidenschaft für Motoren zum Beruf gemacht, aber manchmal frag mich schon wo das hinführen soll. Ich meine, diese Autos kann sich doch sowieso quasi niemand leisten. […] Weißt du was, mein Traum wäre irgendwo in der Toskana Oliven anzubauen. Italien ist einfach das schönste Land der Welt“.
Die nächsten fünf Tage waren anstrengend. Von einem Auto ins nächste flog ich nur so dahin, jeder Tag war voll von Höhen und Tiefen, bis ich spät nachts todmüde in mein Zelt fiel. Eines dieser Hochs war, als mich Viktor* kurz vor Bulgarien mitnahm. Nach der üblichen Vorstellungsrunde erzählte er mir, dass er unterwegs war zu seiner Freundin. In Sotchi! Völlig perplex fragte ich noch einmal nach, doch ich hatte mich nicht verhört. Victor wollte mit dem Auto von Serbien aus über Bulgarien, die ganze Türkei und Georgien bis nach Russland fahren. Meine unbändige Freude währte jedoch nur kurz. An der Grenze zu Bulgarien begann Viktor hektisch das Auto zu durchsuchen, um dann festzustellen, dass er seinen Pass daheim vergessen hatte. Ich hätte heulen können, doch es half alles nichts. Es musste weitergehen. Drei Tage später erreichte ich um 1 Uhr morgens Batumi und lag in den Armen meiner Freundin.

Georgien

B: In der einen Hand das Schwert gegen die Feinde, in der anderen den Kelch für die Freunde – so  steht die riesige Statue, die Mutter Georgiens, auf dem Berg und schaut hinunter auf die Hauptstadt Tiflis. Von hier oben sieht Tbilisi, wie die Georgier die Stadt nennen, staubig und heiß aus, doch wenn man in die engen Straßen und Gassen und den Verkehr eintaucht, durch den man selbstbewusst gehen muss, damit man durchkommt, hat die Stadt noch vieles mehr zu bieten. Die kleinen Läden vermitteln das Gefühl von Vertrautheit und die Frau in dem kleinen Käsestand an der Straßenecke kennt mich schon und grüßt freundlich, wenn ich vorbeigehe. Die heiße Luft drückt tagsüber so stark, dass ich vor allem in den späten Nachmittagsstunden meine Einkäufe erledige und mich dabei von den frischen Gerüchen der Kräuter und des saftigen Obsts verführen lasse. Noch nie habe ich solche Tomaten gegessen, wie sie die Georgier in ihrem einfachen Salat mit Gurken und Petersilie verarbeiten. Die Wassermelonen sind so süß und lecker, dass ich mich die drei Wochen, die ich auf dem Land verbrachte, fast nur davon ernährte. Alle Nachbarn schenkten uns Wassermelonen und auf den Straßen hingen die Autos tief mit der Last der erfrischenden Früchte. Wie ich dieses Obst liebte!

Wenn man einen Georgier fragt, was man in seinem Land unbedingt probieren oder sehen sollte, so wird er mit leuchtenden Augen anfangen aufzuzählen, Khatschapuri, Khinkali, Tschurtschrella. Er wird einen in die Berge nach Kasbegi oder nach Swaneti schicken oder, je nachdem wo er herkommt, noch bestimmte Feinheiten in der Umgebung seines Dorfes nennen. Mit Liebe und Stolz für das eigene Land und die Kultur luden mich die Georgier zu Tanz und Musik und zu festlichen Abendessen ein. Ein Toast auf die Frauen! Einmal saß ich nur mit Männern an einem Banquett, die daraufhin alle auf mich tranken. Es ist Tradition, Toasts auszusprechen und der für die Frauen gehört immer dazu.

Armenien

M: Von Armenien wusste ich eigentlich nur, dass wir durchmüssen, um von Georgien in den Iran zu kommen. Ansonsten wusste ich vor meiner Reise glaube ich nicht einmal genau, wo das Land liegt. Unseren ersten Kontakt mit der armenischen Kultur hatten wir schon vor der Grenze.
Tagebucheintrag 01.09.17: „Irgendwann kurz vor der Grenze hielt ein Geländewagen mit drei Armeniern, die sich sichtlich freuten Tramper mitzunehmen. Schnell wurden von der Rückbank noch 20kg Persil-Waschpulver in den Kofferraum geräumt und zu den Rhythmen armenischer Volksmusik und den tanzenden Armbewegungen von Naret, wie sich der Mann auf der Rückbank später vorstellte, fuhren wir los. Brit Maries erste Bemerkung war: „Da sind wir wohl in einem Partyauto gelandet“. Das sollte sich in den nächsten drei Stunden auch mehr als bestätigen. Noch bevor das Auto voll beschleunigt hatte, wurde die erste Bierflasche geöffnet und trotz anhaltender Proteste hatten wir kurz darauf jeder einen vollen Becher in der Hand. Da keiner der Männer Englisch konnte, mussten Brit Maries Georgisch- oder meine Russischkenntnisse, in den meisten Fällen jedoch Hände und Füße, zur Verständigung ausreichen. Kurz vor der Grenze wurde noch einmal Waschpulver gekauft und schließlich erreichten wir ohne Probleme die armenische Flagge. Was uns schon in Georgien aufgefallen war, wurde jetzt noch deutlicher. Je kleiner ein Land ist, desto stolzer sind seine Bewohner auf alles, was damit in Bezug steht. Sei es die Flagge, die Sprache, die Musik, die Frauen (die man immer wieder lobend erwähnen sollte), das Essen oder einfach das Bier. Letzteres mussten wir natürlich, kaum über die Grenze, sofort verkosten – zusammen mit einem typisch armenischen Vanilleeis. Als Frau gelang es Brit Marie besser das Bier abzulehnen, ich saß jedoch schon bald leicht beduselt auf der Rückbank und aß saftige Brombeeren, die unsere Fahrer bei einem Straßenstand unterwegs gekauft hatten. Währenddessen schlängelte sich die Straße, die fast nur aus Flicken und Löchern bestand, den Berg hinauf. Gefühlt versuchte unserer Fahrer passend zu den Rhythmen der armenischen Folklore, die aus den geöffneten Fenstern schallte, für jeden Beat ein Schlagloch mitzunehmen.
Als Mann Alkohol abzulehnen gestaltete sich in Armenien deutlich schwieriger als gedacht, da, so mein Eindruck, man sonst nicht wirklich als vollwertiger Mann gilt. Irgendwann umging ich das Problem jedoch weiterstgehend, indem ich bei jedem Angebot auf meine Leber deutend sagte: „Doctor, Problem“.

Einen Tag später, als wir gerade die Hauptstadt Jerewan hinter uns gelassen hatten, nahm uns Arvet* mit. Anfangs etwas still, taute er jedoch schnell auf und ließ sich bald nicht mehr bremsen, uns die Schönheit seines Landes zu zeigen. Bald darauf führte uns durch eine alte Festung, in der der heilige Georg gefangen gehalten wurde, lud uns auf ein Eis ein und als er unsere Vorliebe für Obst bemerkte, hielt er an einem Straßenstand und der Verkäufer servierte uns die beste Honigmelone, die ich jemals gegessen habe. Noch warm von der Sonne zerschmolz ihr Fruchtfleisch direkt auf der Zunge und füllte den Mund mit fruchtiger Süße. Auch die 2 kg Trauben, die er uns anschließend einpackte, schienen die Sonne in sich gespeichert zu haben.

Abends setzte er uns am Straßenrand ab, fuhr aber erst, als er sich versichert hatte, dass wir in unserem Zelt gut aufgehoben waren. Als die Sonne hinter dem Berg Ararat versank, auf dem laut Legende Noah mit der Arche landete, kamen jedoch die Mücken in Scharen. Schon fast in unserem Zelt verkrochen kam Arvet jedoch noch einmal zurück um nach uns zu schauen, und als er mitbekam, wie sehr wir uns mit den Mücken plagten, lud er uns nach kurzem Zögern zu sich nach Hause ein.

Der Grund für sein Zögern war bald recht offensichtlich. Mit seiner fünfköpfigen Familie lebte er in einer Dreizimmerwohnung in einem grauen Plattenbau im obersten Stock. Die Toilettenspülung war defekt, in der Küche gab es kein fließendes Wasser und der Wasserhahn im Bad bestand aus einer umgedrehten Cola-Flasche, in die auf halber Höhe ein Loch geschnitten war. Selten waren wir bei so armen Menschen eingeladen. Seine Frau bewirtete uns jedoch mit einer Herzlichkeit und Aufopferung, wie sie sich kaum beschreiben lässt. Noch völlig überwältigt und unfähig, unsere Dankbarkeit auszudrücken, verabschiedeten wir uns am nächsten Tag.

Weiter ging es durch eine atemberaubende Hügellandschaft, vorbei an wilden Flüssen, tiefblauen Seen, die eingebettet in eine goldgelbe Graslandschaft an jeder kleinen Bucht zum Baden einluden, und vor jedem Hügel war der Blick gespannt auf den Horizont gerichtet, voller Vorfreude, welche neuen Weiten sich dahinter öffneten. Dazu spielten die Scorpions „Wind of Change“. Der Moment hätte einfach nicht besser sein können, einfach unbeschreiblich, einfach frei. Genau für solche Momente wollten wir unterwegs sein, genau solche Momente sind es, die eine solche Reise so unglaublich reich werden lassen.

Iran

Iran? Das ist doch super gefährlich! Irgendwie denke ich bei Iran immer nur an Atomwaffen. Im Iran haben doch die Frauen keine Rechte, man darf keinen Alkohol trinken und nicht tanzen, oder? Ich glaube, ich hätte Angst da aus irgendeinem Grund einfach im Gefängnis zu landen oder nicht mehr rauszukommen.

So oder so ähnlich waren die Kommentare und Anmerkungen, die wir vor unserer Reise bekamen, als wir von unseren Plänen, in den Iran zu reisen, erzählten. Auch wenn wir vorher dazu nichts sagen konnten, waren diese Vorurteile doch auch ein Grund für unsere Reise. Wir wollten Meinung, Halbwissen und Stereotypen gegen lebendige Erfahrungen und persönliche Begegnungen eintauschen.

B: Als uns der Mann in seinem weißen Lieferwagen in Armenien das letzte Stück zur iranischen Grenze brachte, spürte ich neben der freudigen Abenteuerlust immer mehr die Angst, die sich in meinem Bauch zusammenzog und meinen Körper unter Anspannung leicht zittern ließ. Die Sonne stand hoch am Himmel und in dem kahlen Tal zwischen Bergen aus Sandstein stand die brüllende Hitze. Wir unterhielten uns gut und doch war es ein seltsames Gefühl, an diesem Stacheldrahtzaun entlang zu fahren und zu wissen, diese kahlen, heißen Steine dort drüben gehören schon zum Iran. Mein Kopftuch hatte ich mir schon bereitgelegt und auch die lange Bluse war greifbar. Als wir uns von unserem Fahrer verabschiedeten und uns bedankten, standen wir vor einer verrosteten Schranke, hinter der eine breite lange Teerstraße zu den Grenzgebäuden führte. Ich als junge Europäerin kenne keine kontrollierten Grenzübergänge und diese stark bewachten Posten und großen Männer in Uniform und finsterem Gesicht machten mir Angst. Tatsächlich wurde nur unser Pass und Gepäck kontrolliert und uns wurden ein paar Sicherheitsfragen zur Identitätskontrolle gestellt. Meine Anspannung löste sich langsam, als uns der erste Grenzbeamte in perfektem Englisch begrüßte mit „welcome to Iran!“. „Welcome to Iran!“ – das würden wir in diesem gastfreundlichen Land noch oft zu hören bekommen.

M: Einen ersten Eindruck von der unglaublichen Gastfreundschaft der Iraner bekamen wir, als wir in Tabris, einer Stadt im Nordwesten des Irans, ankamen. Gerade von unserem letzten Auto abgesetzt, liefen wir in die Stadt, um uns mit unserem Host von Couchsurfing zu treffen, als neben uns ein Auto hielt und ein Mann uns freudestrahlend mit wackeligem Englisch begrüßte und einlud, uns zu unserem Gastgeber zu bringen. Etwas überrascht stimmten wir zu, nachdem wir uns versichert hatten, dass es sich nicht um ein Taxi handelte. Auf der Fahrt redete Reza, wie sich der Mann uns schon bald vorstellte, ohne Unterlass und kurze Zeit später wurden wir per Handy mit seiner Frau bekannt gemacht. Auch wurde sehr schnell klar, dass er uns eigentlich viel lieber zu sich einladen würde als uns bei unserem Gastgeber abzusetzen und uns gerne alle Sehenswürdigkeiten in Tabris zeigen würde. Also blieben wir zwei Tage länger und besuchten ihn.

Solche Erlebnisse wiederfuhren uns noch sehr oft und nicht selten geschah es, dass wir vor lauter Einladungen und Essenspausen kaum vorwärts kamen beim Trampen. Eigentlich jede Nacht wurden wir eingeladen und nicht selten hätten wir ein frühes, ein mittleres und ein spätes Mittagessen genießen können.

Das Annehmen oder Ablehnen solcher Angebote war für uns anfangs nicht so leicht, da es im Iran eine Höflichkeitsformel gibt, die sich „Taarof“ nennt. Je nachdem, wie ausgeprägt die Menschen sie leben, bestimmt sie doch sehr maßgeblich den Alltag und vor allem die Kommunikation. Bei einer Einladung äußert sie sich zum Beispiel darin, dass eine Ablehnung nicht gleich akzeptiert wird, da es ja sein könnte, dass der Gast aus Angst zu bedürftig zu erscheinen abgelehnt hat, weshalb noch mindestens zweimal nachgefragt wird. Auch beim Essen haben wir uns angewöhnt, erst einmal weniger zu essen, um dann noch einmal unter Betonung der Köstlichkeit des Essens nachzunehmen. Ein Taxifahrer, mit dem wir uns zuvor gut unterhalten hatten, lehnte Anfangs die Bezahlung ab, um dadurch zu betonen, dass wir eigentlich viel mehr wert sind als das Geld und er uns hätte umsonst fahren müssen. Nach einer erneuten Aufforderung nahm er die Bezahlung jedoch an. Auch war es für uns gewöhnungsbedürftig, Einladungen immer erst einmal abzulehnen. So bedeutet beispielsweise die Aussage „Come to my home“ nicht automatisch eine Einladung, sondern ist eher als Kompliment zu verstehen, dass wir dem anderen sympathisch sind und er uns prinzipiell zu sich nach Hause einladen würde. Es wäre sehr unhöflich, so eine Einladung sofort anzunehmen, da man denjenigen dadurch in eine sehr unangenehme Situation bringen könnte. Deshalb haben wir es uns angewöhnt, Einladungen immer erst nach der dritten Aufforderung anzunehmen.

Auf der einen Seite tauchten wir tief in die persische Kultur und den Alltag der Menschen ein, auf der anderen Seite brauchten wir immer wieder auch eine kurze Auszeit, um uns zurückzuziehen und das Erlebte zu verarbeiten. Die tiefgreifenden kulturellen Unterschiede waren auf der einen Seite das was wir erleben wollten, auf der anderen Seite nicht selten sehr anstrengend. So heißt bei uns ein „Ja“ Ja und ein „Nein“ Nein! Diese Klarheit in der Ausdrucksweise vermissten wir oft im Iran.

Oft haben wir uns gefragt, was wir bei all der Herzlichkeit, Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft, die uns zuteilwurde, zurückgeben können. Letztendlich konnten wir – glaube ich – auch dadurch den Menschen etwas zurückgeben, indem wir offen und ehrlich unserer Freude und tiefen Dankbarkeit Ausdruck verliehen. Gleichzeitig konnten wir von unserer Kultur und unseren Erfahrungen aus anderen Ländern berichten, da die wenigsten Iraner die Möglichkeit haben, weit zu reisen.

B: Einmal wurden uns die Einschränkungen, die die Iraner unter dem religiösen Gesetz erleben, deutlich sichtbar. Ein Host nahm uns mit zu einem Konzert eines recht bekannten Folklore-Pop-Sängers. Er hatte uns vorgewarnt, dass das Konzert im Sitzen stattfinden würde, doch das, was folgte, hatten wir nicht erwartet. Die Veranstaltung wurde mit einer gesungenen Lesung aus dem Koran eröffnet und in der ersten Reihe saß die Polizei. Verstörend war für mich, dass man nicht tanzen durfte bei einer Musik, die die Beine von selber springen lässt. Der Sänger erinnerte mehrmals daran und bat explizit darum, dass auch Kinder nicht tanzen sollen, weil er sonst riskierte, nicht mehr auftreten zu dürfen. Auch das Licht im Zuschauerraum blieb die ganze Zeit zumindest teilweise an, um eine zu aufgedrehte Stimmung zu vermeiden. Ich sah die Menschen innerlich tanzen, doch sie mussten ihre Freude einsperren und so wippten sie auf dem Stuhl und klatschten im Takt. Warum genau Singen und Tanzen im Iran verboten ist, fanden wir nicht heraus. Unter den Menschen läuft wohl viel im Versteckten, erzählte uns unser Host, der seinen eigenen Wein keltert und ab und zu auf Techno-Partys bei Freunden weit draußen in einem versteckten Keller geht. Es geht wohl vor allem darum, nach außen sein Gesicht zu bewahren und nicht aufzufallen.

Doch unter diesen politischen Einschränkungen fanden wir Menschen mit Herz und Seele, mit Freuden und Leiden, die genauso versuchen, ihren Alltag zu meistern wie wir. Wir stellten fest, dass die politische Führung eines Landes meist nichts über die Menschen und Kultur jenes Landes aussagt. Auf die Frage eines Gastgebers, warum wir in den „gefährlichen“ Iran gekommen seien, war unsere Antwort: „We travel to meet people not politics“.

Am Ende der Zeit blieben wir mit vielen wundervollen Eindrücken zurück. Wir waren tief eingetaucht in die Vielseitigkeit des fremden Landes und wurden reich beschenkt. Dankbarkeit durchströmte mein Herz, als wir uns von der kleinen Familie verabschiedeten, die uns das letzte Stück bis zur türkischen Grenze gefahren hatte. Mit besorgtem Blick winkten sie uns nach, als wir den Heimweg antraten.

Rückblickend waren die schönsten Momente für mich diejenigen, in denen ich etwas geben konnte. Als Reisende bin ich wie ein Wind, der vorüberweht, die Düfte der verschiedenen Kulturen aufnimmt und sie in Form von Geschichten zur nächsten Kultur trägt. Ich sammle Erfahrungen und trage sie weiter, inspiriere andere Menschen. Im Reisen spiegelt sich für mich das ganze Leben wider mit allen Höhen und Tiefen. Ich lerne in Kontakt zu treten und Verantwortung dafür zu übernehmen, was mir passiert und dass etwas passiert. Natürlich habe ich manchmal keine Lust loszugehen und Leute anzusprechen, die Alternative wäre jedoch, dass ich auf der Raststätte sitzen bleibe. Es ist meine Wahl. Ich lerne, dass mein Handeln unmittelbare Konsequenzen hat. Wenn ich offen und neugierig in die Welt gehe, werden mir interessante Dinge passieren. Für mich ist das Reisen eine Möglichkeit, das Leben kennenzulernen und die Leichtigkeit und den Fluss in den Dingen zu spüren. Jeden Moment nehme ich so intensiv wahr, dass es mir abends oft schwer fällt mich zu erinnern, wo ich am Morgen gestartet bin, und mir im Rückblick ein Tag wie eine ganze Woche vorkommt. Ich bin unglaublich dankbar für das, was mir gegeben wurde, für jeden Menschen mit einem offenen Herz, der seinen Impulsen folgt, und für alles, was ich erfahren durfte.

M: Manch einer kennt vielleicht das Gefühl nach einer langen Reise wieder nach Hause zu kommen. Irgendwie fühlt es sich an als sei ein anderer wiedergekommen als der, der gegangen ist. Man blickt auf die Sachen im eigenen Zimmer, der Bleistift liegt noch genau an der gleichen Stelle, die Papiere auf dem Schreibtisch liegen noch genauso unordentlich da und auch bei den verstreuten Dingen auf dem Boden scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Man betritt das eigene Reich, die eigenen vier Wände, die einem so vertraut sind, und doch fühlt sich alles ein bisschen fremd an. Es fühlt sich so an als blickt ein Fremder auf all die Dinge eines Anderen. Es ist fast so, als sind der, der gegangen ist, und der, der wiedergekommen ist, nicht ganz dieselbe Person.

Versuche ich manchmal die Erlebnisse in einem Gefühl oder Wort zusammenzufassen, so habe ich vor allem Dankbarkeit in mir. Dankbarkeit, so reich beschenkt worden zu sein. Mit Erfahrungen, Begegnungen, Freude, wenn ich an die einzigartigen und besonderen Menschen denke, denen wir begegnet sind und auch Trauer, wenn mir bewusst wird, dass ich die meisten Menschen vermutlich nie wiedersehen werde.

Für viele mag unsere Art zu reisen zu gewagt, zu abenteuerlich oder einfach zu gefährlich erscheinen. Wir wissen meist morgens nicht, wo wir abends übernachten, und außer einem kleinen Rucksack haben wir nichts dabei. Dabei ist es genau diese Art unterwegs zu sein, per Anhalter am meisten oder mit Bus und Zug, wodurch wir ein Gefühl für die Entfernungen entwickeln und spüren, wie groß die Welt wird, wenn wir uns Zeit nehmen langsamer unterwegs zu sein als mit 900 km/h in 10.000 Metern Höhe.

Vieles, was wir erlebt haben, lässt sich im Rückblick mit Leichtigkeit und Ironie erzählen, dabei verblassen manchmal die schweren Momente. Die Momente, wo es nicht geklappt hat, wo wir in einem nassen und vermüllten Wald neben einer Tankstelle übernachten mussten oder über Stunden nicht weiterkamen. Beides, die Höhen aber auch die Tiefen, machen das Unterwegssein dabei so intensiv, so herausfordernd, so erfüllend und bringen uns an innere und äußere Grenzen.

Mit Vertrauen und Achtsamkeit haben wir uns in die Hände anderer Menschen gegeben und all die Erfahrungen haben wir durch das Trampen, Couchsurfen oder einfach dadurch gemacht, dass wir offen auf der Straße die Leute ansprachen.

Dabei ist der erste Schritt der schwierigste. Sei es in das Nachbardorf zu trampen oder bei einem Bauern zu fragen, ob man im Heu übernachten kann. Wo man aber in Achtsamkeit Vertrauen schenkt, erntet man nicht selten unvergessliche Erlebnisse.

* Namen wurden zum Schutz der Persönlichkeit geändert.

Sämtliche Rechte des Artikels bezüglich der weiteren Verbreitung und insbesondere der kommerziellen Vermarktung bleiben bei den Autoren Brit Marie Abele und Moritz Plagemann.