Kurdistan

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.


Rainer Maria Rilke

Etwas unsicher betrete ich ein neues Land. Es soll mein erstes arabisches Land werden. Obwohl ich von so vielen Menschen gehört habe, dass Kurdistan nicht der Irak ist und es dort sicher ist, fühlt es sich seltsam an auf einmal so dicht an all diesen Orten zu sein, die man nur aus den Nachrichten kennt und das nicht, weil man dort so schön Urlaub machen kann.
Bevor ich die Grenze erreiche führt die Straße einige Zeit an einem breiten und langsam strömenden Fluss entlang der hier die Türkei von Syrien trennt. Nur einen Steinwurf entfernt liegt das Land, dass in den letzten Jahren eine so traurige Berühmtheit bekommen hat. Wie es aber so da liegt auf der anderen Uferseite kann man nichts von alledem spüren. Die Büsche wiegen sich sanft im Wind und das gelbe trockene Gras hebt sich genauso kontrastreich gegen den hellblauen Himmel ab wie diesseits des Stroms. In Gedanken paddle ich mit einem Kajak an den Viehherden, die an vielen Stellen beidseits grasen vorbei, Grüße den Bauern der gerade sein Heu wendet und schlage vielleicht irgendwo unter einem Baum mein Lagerplatz für die Nacht auf. Als ich um die nächste Kurve fahre holen mich jedoch ein Wachturm, meterlanger Stacheldraht und ein schwer gepanzertes Fahrzeug der türkischen Armee zurück in die Realität. Die Polizei fährt hier in Radpanzern und mit Sturmgewehren auf Patrouille.
An der Grenze angekommen ist es heiß. In der brütenden Hitze warten lange Autoschlangen darauf die Türkei zu verlassen. Zum Glück kann ich an all den wartenden vorbeigehen und suche mir ein Auto das kurz davor ist von den Grenzbeamten genau unter die Lupe genommen zu werden, bevor es die Türkei verlässt. Eine Ausreise zu Fuß ist nicht erlaubt. Trotz allem brauche ich zwei Stunden um in den Irak oder wie ich bald eines Besseren belehrt werden, nach Kurdistan einzureisen. 30 Tage darf ich hier im Norden bleiben, es wird am Ende jedoch nur etwas mehr als eine Woche sein. So wie die Gastfreundschaft der Kurden in der Türkei keine Grenzen kennt, so setzt es sich auch hier fort. Schon von meinem ersten Auto werde ich eingeladen über Nacht zu bleiben. Da ich heute aber noch bis Dohuk kommen will, lehne ich dankend ab. Ein Blick auf meine Karte verrät mir, dass es noch 60 km dorthin sind und von Dohuk wiederum nur 80 km nach Mossul, also weniger als eine Stunde Fahrtzeit. Als ich meinen Fahrer darauf anspreche winkt er nur lässig ab und wiederholt das, was ich noch oft die nächsten Tage hören werde. „Du bist in Kurdistan, hier ist es sicher. Wir sind Kurden, keine Araber unsere Peschmerga (kurdische Armee) sind stark“.
So tauche ich ein letztes Mal in ein neues Land ein. Vieles erinnert mich an den Iran, auch wenn es doch anders ist. Die wenigen Worte Farsi die ich spreche helfen mir hier oft weiter und auch die Gastfreundschaft der Menschen ist unbeschreiblich. Als ich in meiner ersten Nacht in Dohuk ankomme werde ich auf dem Weg zu einem Park in dem ich schlafen will von einer Familie zum Essen und Übernachten eingeladen.

Die ersten Tage verbringe ich in den Bergen und fahre gemütlich über kleine Straßen von Wasserfall zu Wasserfall. Besonders in den heißen Jahreszeiten kommen Menschen aus dem ganzen Land hier her um sich abzukühlen. Wieder einmal wird mir bewusst, dass Wasser hier eine viel wichtigere Bedeutung hat. Es ist wie eine Lebensader. Überall wo es zum Vorschein kommt verwandelt es die trockene Berglandschaft in grüne Täler. Was heute hauptsächlich Erfrischung für die Touristen ist war früher Grund hier sesshaft zu werden und so findet sich bei fast jedem Fluss zumindest ein kleines Dorf.
Sind die Nächte kühl und erfrischend so nähern sich die Temperaturen tagsüber unbarmherzig der 50 Grad Marke. Jedes Mal wenn ich aus einem klimatisierten Auto steige erschlägt mich die Hitze förmlich. Ich habe mir den heißesten Monat des Jahres ausgesucht um eines der heißesten Länder auf meiner Reise zu besuchen.

Deutschland, so kommt es mir vor, genießt hier einen besonderen Stand. Jedes Mal wenn ich erwähne, dass ich aus „Allemania“ komme höre ich ein ehrfurchtsvolles „Ahh“ oder „Ohh“ um im nächsten Moment zu erfahren, dass Deutschland und Kurdistan sehr eng befreundet sind. Ob es daran liegt, dass Deutschland Kurdistan große Mengen an Waffen für den Kampf gegen den IS verkauft hat oder das deutsche Fußballklubs weltweite Fans haben weiß ich nicht. Vermutlich liegt es an beidem, aber dennoch fühlt es sich manchmal seltsam an. Kurdische Perschmerga Kämpfer werden in Deutschland ausgebildet und ich werde dafür gefeiert. An einem Restaurant neben einem Wasserfall bekomme ich eine persönliche Führung und werde eingeladen über Nacht zu bleiben, während ich mehrmals höre, dass mit deutschen Waffen „unzerstörbare“ amerikanische Panzer im kurdisch irakischen Krieg vernichtet wurden. Natürlich ist es nicht überall so aber mein Geburtsort wirkt häufig bevor die Menschen mich kennenlernen.

Nach zwei wunderschönen Tagen mit einem guten Freund den ich während meiner Famulatur in Aserbaidschan kennengelernt habe breche ich wieder Richtung Norden auf.
Über mehrere Ecken bekomme ich im Norden bei Farhad* unter was für mich eine der Begegnungen in Kurdistan wird, die mich am meisten beschäftigt.
Am ersten Abend schreibe ich folgendes in mein Tagebuch:
„Ich würde ihn gerne besser verstehen, gerne wissen was ihn bewegt. Mein Gastgeber für diese Nacht ist Farhad*, 23 Jahre alt und Halbweise. Sein Vater starb vor 1 ½ Jahren im Irakisch-kurdischen Krieg. In fast jedem zweiten Satz spricht er von ihm, dem General den alle geliebt haben. Sein Zimmer schmücken zahlreiche alte Waffen und der Schrank ist voll von Militärkleidung. Das Haus ist bombastisch und thront hoch über der Stadt. Auf dem Nachttisch liegt ein I-Phone X und gerade hat er sich Pizza bestellt während er die dritte Packung für heute raucht. Seit ca. zwei Stunden spielt er auf dem Handy einen online Ego-Shooter. Sein Vater war für ihn ein leuchtendes Vorbild und ist es jetzt, nach seinem Märtyrer-Tod umso mehr. Mit Stolz hat er mir davon erzählt. Sein Vater ist an erster Stelle nicht tot, nein er ist als Märtyrer gestorben für sein Land. Jetzt ist er an einem besseren Ort, denn Märtyrer kommen direkt in den Himmel.
Als er mir die ganzen Dinge in seinem Zimmer zeigt, möchte er mir unbedingt zwei Paar Schuhe schenken die er sich aus den USA bestellt hat. Bei den 10 Paaren in seinem Schrank die schon eine dicke Staubschicht tragen, glaube ich ihm, dass er sie nicht braucht. So habe ich jetzt fast neue Nike Air Schuhe.“
Zwei Nächte bleibe ich bei ihm und seinen Freunden deren Eltern alle zur obersten Einkommensklasse gehören. Die Nächte spielt er meist durch und schläft am nächsten Tag bis mittags. Als ich ihn Frage was ihn glücklich machen würde, deutet er auf einen weißen Range Rover und erzählt mir, dass dieses Auto 116.000 Euro kostet.
Ich merke wie alles, die ganze Welt in der er lebt komplett meiner Wertevorstellung und meiner Lebenshaltung widerspricht. Dennoch bin ich sehr dankbar, dass alles so erleben zu können. Wann hätte ich sonst Einblick in diese Parallelwelt in der er und seine Freunde hier leben.
Dabei tue ich mich schwer über all das hier zu Urteilen. Dass die Situation wohl deutlich komplexer ist als ich erahnen kann sehe ich, als wir einen Nachmittag mit seinen Freunden an einem Pool auf der Land Villa eines Freundes verbringen. Seine linke Schulter ist übersät von Narben. Narben verursacht durch Zigaretten, die er sich selbst auf der Haut ausgedrückt hat.

Ich habe zwar nur wenig Zeit hier verbracht, aber es fühlt sich trotzdem so an als ist es Zeit langsam Richtung Heimat aufzubrechen.  In der Türkei und im Irak habe ich die Kurden als ein starkes und stolzes Volk erlebt das nicht müde ist zu kämpfen und mit großer Herzlichkeit und Offenheit Fremde empfängt. Auch wenn ich mich drauf freue noch einige Freunde auf dem Heimweg zu besuchen merke ich doch, dass ich jetzt etwas Zeit brauche. Zeit in der nicht jeden Tag neue Eindrücke und neue Erlebnisse dazu kommen. Zeit für mich.


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