Ich bin gerade so richtig angepisst. Seit Freitag werde ich auf der Polizeiwache in Quetta festgehalten und darf sie nicht verlassen. Heute ist Montag und ich war bei dem zentralen Office der Stadt, um mir ein Dokument zu besorgen, dass ich für die Weiterreise benötige. Da das Office schon Freitagmittag das Wochenende eingeläutet hat, musste ich den ganzen Samstag und Sonntag irgendwie auf der Polizeiwache totschlagen. Das Dokument heißt NOC und ich weiß bis jetzt nicht, für was die Abkürzung steht.
Da ich heute noch 600km weit bis nach Multan trampen will, stehe ich extra früh auf um zeitig bei dem Office zu sein.
Ab 9 Uhr hat das Büro geöffnet, ich stehe um 9:30 auf der Matte, nachdem mich eine Polizeieskorte zu dem trostlosen grauen Gebäude gebracht hat. Gerade angekommen, erfahre ich, dass der Boss noch nicht da ist, doch wahrscheinlich bald kommt. Etwas angespannt, da ich heute noch einen weiten Weg vor mir habe, setzte ich mich auf das viel zu tiefe Sofa und warte. Schon 10 Minuten später kommt der Boss, nennen wir ihn im weiteren den Unterboss, setzt sich gemütlich auf seinen breiten Bürostuhl, schlägt ein Bein hoch und beginnt in der mitgebrachten Zeitung zu lesen. Auf meine Frage hin, ob er mir bald die NOC ausstellen kann, nickt er nur zu einem leeren Stuhl neben sich und meint: „No writer, coming soon“. Ich atme einmal tief durch und versuche mich zu entspannen. „Nur die Ruhe bewahren, das wird schon, ich bin ja nicht in Deutschland“ denke ich und versuche mich zu entspannen, allerdings nur mit mäßigem Erfolg.
Schließlich kommt der Mann und gemächlich beginnt die Arbeit. Auf meine Bitte hin in der NOC zu vermerken, dass ich per Anhalter nach Multan reise, antwortet der Boss nur: „Not allowed, only Train or Bus“. Noch bevor ich mich beschweren kann, fügt er hinzu: „No go directly Multan, go first to Sukkar“. Verwirrt und aufgebracht, schaue ich nach wo Sukkar liegt und sehe, dass ich einen Umweg von 500km fahren muss, anstatt den direkten Weg nach Multan nehmen zu können. Jetzt völlig aus meiner Restruhe gebracht, frage ich mit harscher Stimme nach dem Grund und bekomme als knappe Antwort: „direkt road too dangerous, tomorrow take train to Multan“. Habe ich richtig gehört? „Tomorrow?“ Wütend erkläre ich, dass ich ganz sicher nicht erst morgen den Zug nach Multan nehmen werde und bitte um eine NOC, die schon heute gültig ist! „Go tomorrow, it’s the law, ask my boss “, erwidert der Mann daraufhin nur.
Über weite Flure werde ich anschließend in ein anderes Zimmer gebracht, um zu erfahren, dass der nächst höhere Boss, nennen wir ihn den Mittelboss, noch nicht da ist. Während der nächsten 30 Minuten versuche ich mich zu entspannen, atme tief durch. So langsam kommt mir die ganze Situation etwas kafkaesk vor. In einem Kapitel von Franz Kafka’s Roman „Der Prozess“ wird der Protagonist K. vor dem Beginn eines Gerichtsprozesses von Raum zu Raum geschickt, völlig verloren in einem System, dass er nicht durchschaut und das völlig transzendent der Wirklichkeit enthoben scheint.
Schließlich kommt der Mittelboss, läuft wortlos und ohne Gruß (in Pakistan sehr unhöflich) durch den Raum und verschwindet im Nebenzimmer. Mein Begleiter folgt ihm emsig, mit meiner Mappe unter dem Arm. Habe ich es mir nur eingebildet oder ist der kleine Mann gerade noch etwas kleiner geworden?
Einige Minuten später erscheint er wieder und es heißt nur: „We go boss“. Ich weiß einfach nicht mehr wirklich was ich denken soll. In mir vermischen sich die Stimmen zweier Persönlichkeiten. Die eine hört einfach nicht auf zu lachen, die andere ringt nur noch verzweifelt die Hände.
Der Oberboss ist dann auch wirklich ein Oberboss. Auch wenn der Raum schon so vermutlich der größte im ganzen Gebäude ist, wirkt der Schreibtisch, hinter dem der korpulente Mann mit kühlem und abschätzendem Blick sitzt, immer noch überdimensioniert. Das Massivholz glänzt im Licht und außer ein paar Zetteln ist der Tisch leer. fIch erkläre dem Mann mein Anliegen und dass ich gerne noch heute nach Multan fahren würde. Er nickt, stellt mir noch einige belanglose Fragen und schon bin ich wieder draußen. Zurück beim Unterboss berichte ich vom Ergebnis beim Oberboss, worauf der Unterboss den Kopf schüttelt und den Raum verlässt. Nichts Gutes Ahnend warte ich 10 Minuten auf seine Rückkehr. Seit Betreten des Gebäudes sind mittlerweile 2 ½ Stunden vergangen.
Als er zurück kommt ist die Ansage: „You go tomorrow, it’s the law“ um im Anschluss hinzuzufügen „It’s only for your safety“. Die lachende Stimme in mir ist urplötzlich völlig verstummt, die verzweifelte wimmert nur noch am Boden. Dazu kommt jetzt einfach nur noch Wut und es platzt aus mir heraus: „There is no difference, concerning my safety whether I go today or tomorrow”. Wahrscheinlich hat mich der Boss nicht verstanden, aber das ist mir im Moment egal. Bei allen weiteren Fragen die aus mir herausschießen zuckt er nur mit den Schultern und wiederholt mit tonloser Stimme: „It’s the law, you go tomorrow“ Verzweifelt versuche ich noch einmal meine Einwände einzubringen, doch es fühlt sich an wie bei einem Ertrinkenden, der ein paar kraftlose Schläge im Wasser versucht, weil er es einfach noch nicht wahr haben will, dass es keine Rettung mehr gibt.
Während ich die nächste halbe Stunde auf meine Eskorte warte versinke ich tiefer und tiefer in dem viel zu kleinen Sofa. Wer kommt eigentlich überhaupt auf die Idee, solche kleinen Sofoas zu bauen, bei denen einem schon nach 5 Minuten der Rücken schmerzt und die man ohne fremde Hilfe kaum wieder verlassen kann?
Meine Polizeieskorte ist dieses Mal eine Anti- Terror- Einheit auf Motorrädern. Die nächste Stunde begleiten mich die sechs Polizisten bei meinen Einkäufen die ich noch erledigen muss. Das Erlebnis auf einem Polizeimotorad mit Sirene durch die Stadt zu fahren, während mir die AK-47 ans Bein baumelt ist aufregend und lenkt mich von meiner niedergeschlagenen Stimmung ab.
Begleitet von sechs schwer bewaffneten, mit schusssicheren Westen gepanzerten und schwarz maskierten Polizisten einer Anti- Terror Einheit kaufe ich in einer Bäckerei für 50ct Brot. Ich kann mir mein Grinsen einfach nicht verkneifen und auch die Sechs scheinen sichtlich Spaß an der Aktion zu haben. Jedenfalls fragen sie mich mehrmals ob ich nicht noch irgendetwas anderes mit ihnen kaufen will. Eine Stunde später mit einer SIM-Karte, Brot und einem Zugticket im Gepäck, kehre ich zurück zur Polizeiwache. 7,50 € zahle ich für 15 Stunden Zugfahrt nach Multan wissend, dass es für mich keine andere Möglichkeit gegeben hätte meine Reise fortzuführen, wenn ich nicht an dieser Stelle von meinem Prinzip, nichts für Fortbewegung zu zahlen, abgewichen wäre.
Auch werde ich mich nach diesem Erlebnis hüten, auch nur einmal noch über deutsche Bürokratie zu schimpfen. Um einen Vergleich mit Autos zu ziehen, wäre das, als sitze ich in einem Porsche mich lautstark beschwerend, dass es nur so langsam vorangeht, ohne zu merken, dass alle anderen um mich herum Trabis fahren oder in völlig defekten Autos am Straßenrand sitzen.





Ach Moritz- Caspar. Eine Portion Mitleid aus Buenos Aires. Die Broteskorte könnten wir uns sehr bildhaft vorstellen. Und auch dich in deinem kleinen Sofa. Ich hoffe du bist inzwischen mal weitergekommen! Ganz viel Liebe und Kuss an dich! Maya
„Spannender Bericht“ – Sarah
Danke ihr Zwei!
Kann mir richtig gut vorstellen wie ihr diesen Kommentar geschrieben habt… 😉
Genießt auch ihr die Reise weiter!