Es zogen zwei rüst’ge Gesellen
Zum erstenmal von Haus,
So jubelnd recht in die hellen,
Klingenden, singenden Wellen
Des vollen Frühlings hinaus.
Die strebten nach hohen Dingen,
Die wollten, trotz Lust und Schmerz,
Was Rechts in der Welt vollbringen,
Und wem sie vorübergingen,
Dem lachten Sinnen und Herz. –
Joseph von Eichendorff
Ein mir fremder Vogel schreit durch die Nacht. In der Ferne rauscht ein Bach und aus der angelehnten Tür neben mir dringt dumpf der Fernseher. Mit geschlossenen Augen atme ich langsam die kühle Nacht ein. Hier auf 3000 Metern in den Bergen sind die Nächte noch empfindlich kühl, während in Lahore, oder einer der anderen großen Städte in den tieferen Lagen, man selbst in der Nacht noch ins Schwitzen kommt, ganz zu schweigen von den Tagestemperaturen. Über mir funkeln tausend Sterne und wie ich so melancholisch zu den weisen Bergen am Horizont schaue kommt mir Deutschland sehr weit weg vor.
Gerade ist einer dieser Momente in denen ich mir eine Begleitung auf meiner Reise wünsche. Es ist schön und erfüllen alleine unterwegs zu sein, doch gerade in solch ruhigen Momenten wie jetzt, fehlt mir manchmal jemand zum Austausch und zur Reflexion. Jemand der mich und meine Kultur kennt und versteht, dem ich nicht erst meine Sicht erklären muss, sondern der einfach versteht, wenn ich von Freundschaft, Familie oder Beziehung rede. Alleine unterwegs zu sein öffnet mich noch stärker als sonst den Menschen und lässt Freundschaften schneller entstehen und an Tiefe gewinnen. Es sind jedoch meist nur Freundschaften auf Zeit, bis ich weiterziehe. Auch wenn man plant sich vielleicht auf dem Rückweg wieder zu treffen, ist ein Wiedersehen doch meist ungewiss. Einen entscheidenden Vorteil hat das alleine Reisen aber schon. Man kann ohne Probleme mit Motorrädern Trampen.
Eigentlich wollte ich mich in Lahore, einer Stadt ganz im Osten von Pakistan und wenige Kilometer von der indischen Grenze entfernt, mit einer guten Freundin treffen, die gerade in Indien unterwegs ist. Aus unbekannten Gründen wurde ihr Visum jedoch abgelehnt. Vielleicht, weil sie aus Indien kommt? Jedenfalls ist dass die einzige Vermutung die ich habe.
Obwohl man als Reisender tief in einem Land und einer Kultur unterwegs und damit weit entfernt von der Politik ist, hat mich auf diesem Abenteuer die politische Realität fast täglich begleitet. Sei es durch die vielen Polizeikontrollen oder die Ablehnung des oben erwähnten Visums. Auch merke ich, dass ich spätestens seit dem Iran rein in einem männlichen Umfeld unterwegs bin. In meinen letzten Reisen hatte ich meist weibliche Begleitung, wodurch manch ein Kontakt einfacher war.
Gerade war ich zum Essen eingeladen, die Köchin des vorzüglichen Abendessens habe ich jedoch kein einziges Mal gesehen. Eigentlich isst die Familie zusammen, aufgrund meines Besuchs essen die Frauen jedoch getrennt. Hier in den Bergen sind die Dörfer noch viel stärker von den Traditionen geprägt und auch der Islam wird nach meinem Empfinden strikter gelebt. Begegnen einem in Islamabad noch die meisten Frauen in Tschador, so trägt hier fast jede eine Burka einschließlich Netz vor den Augen. Wie gerne würde ich wissen wie es sich anfühlt, so durch die Straßen zu gehen, wie frei man sich als Frau hier fühlt und welchen Platz in der Gesellschaft eine Frau sich hier wünscht. Bis jetzt habe ich hauptsächlich erfahren, dass Frauen, «mentally weak» sind, die Fähigkeiten einer Frau eben im Häuslichen liegen und die eines Mannes im Außen oder eine Frau das höchste «Gut» ist, dass ein Mann zu beschützen hat. Außerdem habe ich erfahren, dass hier ein Mann bis zu vier Frauen haben kann, eine Frau jedoch nur einen Mann. Unter anderem aus medizinischen Gründen. Da eine Frau beim Geschlechtsverkehr mit einem Mann sich viel eher anstecken kann als ein Mann bei einer anderen Frau. Natürlich ist das alles «scientifically proofed «. Immerhin muss die Frau zustimmen, wenn es eine zweite neben ihr geben soll. Mit einem etwas betrübten Gesichtsausdruck erzählt der Polizist, der mich über all das aufklärt, dass seine Frau abgelehnt hat eine Nebenbuhlerin zu haben. Wer hätte es gedacht, aus Eifersucht.
Mittlerweile ist es noch etwas kühler geworden und ich ziehe meinen Schaal, den ich im Iran geschenkt bekommen habe, noch etwas fester um mich. Je mehr sich die Kühle der Nacht herabsenkt, desto mehr, so scheint es mir, fangen die Sterne hier an zu leuchten. Selten habe ich so viele Sterne auf einmal gesehen. Über eine Stunde übe ich mich in Nachtaufnahmen und mit der Zeit werden die Bilder besser.
Gerade weht mir der Geruch
von frisch gebackene Brot in die Nase. Obwohl es zwei Uhr nachts ist sind alle
im Haus auf. Gerade ist Ramadan, was bedeutet, dass von Morgendämmerung bis
Sonnenuntergang nichts gegessen oder getrunken werden darf. Besonders letzteres
ist bei den heißen Temperaturen in der Stadt eine echte Herausforderung.
Entsprechend spät beginnt hier der Tag, zumindest bei Menschen die es sich
selbst einteilen können. Das Essen und damit ein wichtiger Teil des kulturellen
Lebens findet im Moment jedenfalls nachts statt. Das Fastenbrechen abends,
Aftari genannt, ist dabei fast der wichtigste Teil. Manchmal würde ich gerne
eine Stadt wie Teheran zu genau dieser Zeit aus der Luft sehen. Für wenige
Minuten scheint in diesem Moment alles stehen zu bleiben. Egal ob auf der
Autobahn oder sonst irgendwo. Überall halten die Menschen um wenigstens ein
paar Datteln oder ein Glas Saft zu trinken.
An meinem ersten Abend in Islamabad laufe ich verloren abends durch die Stadt,
auf den Anruf meines Hosts wartend, der versprochen hat mich abzuholen. An
einer großen Straßenkreuzung setze ich mich schließlich müde auf meinen
Rucksack, als um mich herum von allen Moscheen der Ruf zum Fastenbrechen
erklingt. Wie ein improvisierte Konzert mischen sich die Klänge ineinander und
bilden eine lebendige Vielstimmigkeit. Die verschiedenen Stimmlagen der Imame
reiben sich dabei erstaunlicher Weise kaum, sondern bilden einen Klangteppich
der sich über die ganze Stadt legt. Gerade schließe ich die Augen und lasse das
Konzert auf mich wirken, da ruft eine Stimme zu mir herüber. Auf einem
Grünstreifen zwischen der Fahrbahn sitzen sechs junge Männer und greifen
beherzt zu Wassermelone, Bohneneintopf und Brot. Mit einer lockeren Handbewegung
winkt mich einer der sechs herüber und bedeutet mir mich mit in den Kreis zu
setzten. Etwas unsicher greife ich zu, hungrig, da auch ich seit Stunden nichts
mehr gegessen habe. Keiner der Jungs spricht Englisch, trotzdem kommen wir in
einen lebendigen Austausch. Mit Händen und Füßen verständigen wir uns, wobei es
viel Gelächter auf beiden Seiten gibt. Als ich versuche zu erklären, dass ich
per Anhalter aus Deutschland gekommen, bin ist Kreativität gefragt. Doch
spätestens in dem Moment wo alle erstaunt den Kopf schütteln, weiß ich das sie
es verstanden haben. So vergeht die Zeit und ich merke wie sehr mich der
Austausch aus meinen etwas trüben Gedanken des Tages holt. Besonders berührt
mich an dieser Begegnung, mit welcher Offenheit und Unvoreingenommenheit sie
mich, einen Fremden der einfach die Straße hinuntergelaufen kam, in ihrer Runde
willkommen geheißen haben. Dabei ist offensichtlich, dass ich vermutlich mehr
besitze als sie, die von dem Verkauf von Wassermelone leben.
Jetzt habe ich noch drei Wochen in diesem Land, dass sich mir von so unterschiedlichen Seiten gezeigt hat. Atemberaubende Landschaften und herzliche Gastfreundschaft auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite zähe Polizeikontrolle und undurchsichtige Regularien was das Reisen angeht. Es befindet sich irgendwie alles gerade im Umbruch nach einer langen Zeit in Abgeschiedenheit. Die nächsten zwei Wochen werde ich noch weiter in die Berge fahren und schauen was auf mich zukommt. Ich bin gespannt und freue mich drauf, gleichzeitig bin ich aber auch etwas unsicher welche neuen Herausforderungen sich mir stellen. Aber das ist es ja, was das Reisen ausmacht.

Auf dem Weg in die Berge 

Solange ich den Mund nicht aufmache, denken die meisten Menschen hier, dass ich Afghane bin. 

Unberührte Natur 
Liebe zur (in) der Natur 

Junge am Straßenrand 
20 Sekunden Belichtung 
Einer der vielen bunten LKWs 
Food Street in Lahore 
Moschee in Lahore 
Wer regiert hier die Straße? (Lahore) 
Monument of Pakistan 
Sonnenuntergang in Islamabad 
Hassam, eine Freundschaft die schnell wächst





Wahnsinn, mit Text und Bild schaffst du es immer wieder, mich in Sekundenschnelle aus der Bibliothek herauszuholen.
So schön kann eine fünfminütige Pause sein (das war zumindest der Plan). Viele deiner vorangegangenen Überlegungen, die du im ersten Text festgehalten hast, bewahrheiten sich jetzt, unter anderem die Herausforderung, alleine zu reisen. Ich kann mir nicht im entferntesten vorstellen, wie sich das anfühlt: inmitten von Menschen zu sein und doch durch die Sprache isoliert. Oder auch nicht? Kommunikation auf ganzen neuen und möglicherweise tieferen Ebenen. Schade, dass das Treffen nicht klappt, das hätte mich sehr für dich gefreut.
Ich musste vor wenigen Tagen an dich denken, als ich eine Dame zu unserer Mensa begleitet habe. Sie war auf dem Weg zu einem Vortrag über Gastfreundschaft im Islam anlässlich des Fastenbrechens. Ich bin mir sicher, du könntest mittlerweile mehrere Stunden mit deinen Erfahrungen dieser Gastfreundschaft füllen.
Eins noch. Ich habe immer Schwieriegkeiten, Menschen zu erklären, wie es für mich ist ohne Brille zu schauen. Deine Bild „Food Street in Lahore“ trifft es sehr gut 😉
Ich wünsche dir viele weiteren sternenklare Nächte und spontanen Einladungen. Pass auf dich auf!