Mit offenen Armen

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

H. Hesse

Als sich die Türkei von mir verabschiedet zeigt sie sich noch einmal von einer ganz anderen Seite und ich merke, wie wenig ich dieses Land eigentlich kenne und wie sehr ich es doch lieb gewonnen habe innerhalb der letzten Tage. Bei all meinen Gedanken an die Türkei hatte ich bisher meist nur die Küstenstädte am Mittelmeer oder höchstens noch Ankara im Blick ohne jedoch an die Weite und Vielseitigkeit des dahinterliegenden Landes zu denken. Einen kurzen Blick durfte ich auf den Alltag der Menschen werfen, doch kaum angekommen bin ich auch schon weitergezogen.

Rechts und links der Straße, die sich wie ein grauer Fluss aus Asphalt durch die kargen Täler zieht und zu dem wohl am wenigsten frequentierten Grenzübergang zwischen Türkei und Iran führt, erstreckt sich weites Grasland, das am Horizont in ebenso karge und trostlose Berge übergeht. Fast nackt wirken sie, nur bewachsen von einigen Büschen und trockenem Heidekraut. Lose über der Ebene verstreut sieht man vereinzelte Schafherden. Die hellen, grau weißen Felle der Tiere leuchten fast vor dem dunklen Hintergrund der Berge. Immer wieder, zwischen den Senken zweier Berge sieht man ganz vereinzelte Dörfer, deren versprengte Häuser so wirken, als hätte sie ganz ausversehen dort jemand beim Vorübergehen verloren. Die ganze Landschaft hat irgendwie etwas Vergessenes. Als wüssten die Menschen am Mittelmeer nicht mehr welche stille Schönheit sich hier ganz im Osten, in den Weiten Anatoliens verbirgt.
Geübt schneidet der Fahrer des kleinen Minibusses der mich bis zur Grenze bringt, jede Kurve. Rechtsverkehr gilt hier nur dann, wenn dort auch die Straße am besten ist. Ansonsten sucht sich mein Fahrer immer die Bereiche mit den wenigsten Flicken im Asphalt aus, wobei er häufig bis zur letzten Sekunde frontal auf ein entgegenkommendes Auto zuhält, um im letzten Moment nach rechts auszuweichen. Mehrmals am Tag fährt er die 100km zwischen Van, der Stadt in der ich die letzten zwei Tage verbracht habe, und der Grenze. Von mir will er jedoch kein Geld.
Die Ausreise aus der Türkei klappt problemlos und als ich das erste Mal wieder die iranische Flagge sehe, kommt so etwas wie erwartungsvolle Freude in mir auf. Gleichzeitig merke ich jedoch, wie mein Herz schneller klopft, da ich dieses Mal anstatt eines normalen Visums nur einen A4 Zettel mit QR-Code habe, ein E-Visum. Das muss reichen, jedenfalls hat das mir die deutsche Visumagentur versichert.
Wie hätte es anders sein können, sind die ersten Worte des Grenzsoldatens: „Welcome to Iran“ und als die nächsten drei Polizisten das gleiche wiederholen, während sie mich durch die unübersichtliche Zollabfertigung führen, beruhigt sich mein Herzschlag langsam. Anscheinend bin ich der Einzige der an diesem Tag in den Iran einreisen will, da keiner der Einreiseschalter besetzt ist und ich nach etwas hin- und her an den Schalter zur Ausreise geschickt werde vor dem sich eine lange Schlange gebildet hat. Auf Anweisung drängle ich mich vor und der Polizist bedeutet mir mitzukommen, nach einem kurzen ratlosen Blick auf mein Visum und verlässt zum Leidwesen aller Wartenden seinen Posten. In einem kleinen Büro an der Seite wird schließlich meine Einreise abgewickelt, unter den wachen Augen von Khomeyni und Khameneyi, dem ehemaligen und aktuellen religiösen Führer des Irans, deren Gesichter in jedem öffentlichen Gebäude vielfach zu finden sind. Kurze Zeit später sind alle zufrieden und wieder mit den Worten „Welcome to Iran“ hämmert der Stempel auf mein Visum. Mit einem Lächeln und einem Händedruck verabschiedet sich der Polizist von mir und ich darf den Iran betreten. Auf die Durchleuchtung des Gebäcks wird dieses Mal verzichtet.
Tief durchatmend laufe ich die ersten Schritte auf den chaotischen Vorplatz der Grenze und so langsam kommt die ganze Freude wieder hier zu sein an.  Der Rest des Nachmittages vergeht wie im Flug und ich freue mich an jeder Kleinigkeit, die für mich so selbstverständlich zum Iran gehört. Lächelnd setze ich mich auf die noch in Plastik verpackten Rücksitze meines ersten Autos, dass mich bis nach Tabris bringen wird und kann mir auch ein Schmunzeln nicht verkneifen, als der Fahrer, nachdem wir eine Abzweigung verpasst haben, rückwärts auf dem Standstreifen zurückfährt um richtig abzubiegen. Natürlich werde ich zum Mittagessen und Tee trinken eingeladen und gegen 6 Uhr abends erreichen wir Tabris. Telefonisch habe ich mich schon bei einem Freund, den Brit Marie und Ich bei unserem letzten Besuch im Iran kennengelernt habe angekündigt und er erklärt sich bereit, mich für eine Nacht aufzunehmen. Als ich allerdings in seinem kleinen Klavierladen sitze merke ich, dass ich vermutlich gerade in mein erstes kulturelles Fettnäpfchen dieser Reise getreten bin. Gerade am Umziehen und Vorbereiten seiner Hochzeit hat er eigentlich gar kein Platz und mich aus Höflichkeit nicht ablehnen wollte. Etwas ratlos sitze ich da gebe einfach einmal „Tabris“ in die Suche meines Handys ein. Dabei finde ich zu meiner Erleichterung die Nummer von Milad, einem Host von Couchsurfing, der uns das letzte Mal in Tabris, einige Stunden durch die Stadt geführt hat. Nach einem kurzen Anruf erklärt er sich sofort bereit mich aufzunehmen. Erleichtert fahre ich zu ihm und mit iranischer Herzlichkeit nimmt er mich auf.

Gleich werde ich auch mitgenommen zu dem zwei Mal wöchentlich stattfindenden gemeinsamen Essen der ganzen Familie. Als ich das Wohnzimmer betrete, erheben sich alle im Raum und ich schüttle reihum allen Männern die Hand. Den Frauen nicke ich von weitem, lächelnd zu. Als Gast wird mir ein Platz neben dem ältesten der Familie zugewiesen, der sich nachdem er sich nach meinem Befinden erkundigt hat, gleich fragt ob es auch meinen Eltern auch gut geht. Lächelnd nicke ich. Wie wichtig die Familie ist und wie wichtig der Respekt gegenüber den Älteren, merke ich immer wieder den ganzen Abend über. Kommt ein älteres Familienmitglied in den Raum, stehen sofort mehrere jüngere auf um ihren Platz anzubieten. Beim Essen darf jedoch ich, als Gast, mir zu aller erst nehmen. So vergeht der Abend wie im Fluge mit angeregten Gesprächen und Milad übersetzt fleißig für die ganze Familie. Natürlich komme ich auch nicht um die obligatorischen Fragen wie: „was kostet ein Auto in Deutschland“, „was verdient man in Deutschland“ oder „Was kostet eine Miete in Deutschland“ herum. Das nächste Mal sollte ich mich wirklich besser auf meine Reise vorbereiten und so muss ich die meisten Fragen mit vagen Schätzungen beantworten.
Nach einem erfüllten Abend merke ich wieder, wie sehr ich dieses Land für seine Herzlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft schätze und wie glücklich ich mich schätzen kann in einem so wohlhabenden Land wie Deutschland zu leben. Einem Land mit freier Meinungsäußerung, mit einem Sozialstaat, von dem viele nur träumen und mit der Möglichkeit sich weitestgehend frei entfalten zu können.

Ps. Ich freue mich über jeden Kommentar, nicht nur per Telegram, gerne auch hier 😉


5 thoughts on “Mit offenen Armen”

  1. Lieber Moritz, Deine Landschafts- und Situationsbeschreibungen offenbaren ein bisher nicht an Dir gekannte schriftstellerische Qualität, die es leicht und spannend macht, Deinen Ausführungen zu folgen . Fast automatisch entstehen dabei die gemalten Bilder vor meinen Augen und ich spüre die Tiefe, mit der Du in diese Situationen eingetaucht bist und die Du wohl brauchst und genießt.
    Anton hat Dir gestern einen Link zu einem SWR1 Interview eines Arztes von „Ärzte ohne Grenzen geschickt“. Es läuft aber (so!) nicht weg. Ganz hatte ich es aber während des Tages auch noch nicht gehört. So ist man auf vielfältige Weise immer Dir nahe und doch so fern. Viele gute Erlebnisse weiterhin wünsche ich Dir von Herzen, Dein Thomas

  2. Hej Moritz
    Ich finde es unglaublich faszinierend, was du über die Kultur im Iran berichtest. Auch wenn es nur ein sehr kleiner Einblick ist, ist es doch bemerkenswert, wie anders sie im Vergleich zu der Deutschen ist.
    Deine Texte zu lesen, macht echt Spaß und weckt in mir die Neugier und das Fernweh!
    Schick unbedingt noch ein paar Fotos 😉
    Eine gute Einreise nach Pakistan.
    Liebe Grüße Annkathrin

    1. Danke liebe Annkathrin,
      ja, je länger ich in diesem Land unterwegs bin, desto mehr lerne ich es schätzen und lieben. Gerade in den letzten Tagen habe ich noch einmal gemerkt wie unglaublich herzlich und gastfreundlich die Menschen hier sind. Schade, dass wir manchaml so ein einseitiges Bild im „Westen“ haben.
      Fotos kommen bald noch mehr, auch bei Texten die schon online sind.. 😉
      Liebe Grüße

  3. Lieber Morita, dein Vater hat mir den link geschickt. Schön, dass du dir die Zeit nimmst, dir selbst ein Bild zu machen und uns Teil haben zu lassen. Bei allem Wohlstand, den wir hier haben, vermisse ich auch immer wieder, wie auch mir selbst die Zeit für das Miteinander und die Gastfreundschaft im Alltag verloren geht. Genieße die Zeit. Danke für deine Berichte. LG Katharina Blauth-Baehr

    1. Danke für deinen schönen Kommentar.
      Ja das Miteinander hat hier wirklich einen sehr hohen Stellenwert. Die Gastfreundschaft ist dabei fast wichtiger als alles andere. Schon mehrmals wurde für mich einfach ein ganzer Tag von der Arbeit oder Uni freigenommen. Da fühlt man sich manchmal etwas unwohl bei aber der Gast steht eben über allem.
      Liebe Grüße zurück.

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