Höhen und Tiefen

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben

H.Hesse

Langsam, fast bedächtig rollt der Bus durch die stockfinstere Nacht. Das monotone Brummen des Motors und die Dunkelheit wirken wie von ganz allein auf die wenigen Passagiere auf dem Weg nach Diyarbakır, einer kleinen Stadt in der Mitte der Türkei. Eben noch munter und gesprächig kehr Ruhe ein und auch der alte Mann in der letzten Reihe packt seine Baglama, ein Zupfinstrument ähnlich einer Gitarre ein und kippt seinen Sitz nach hinten. Noch tief bewegt von den Ereignissen seit ich heute Morgen aus Izmir aufgebrochen bin, lehne auch ich mich langsam in meinem bequemen Sitz zurück und schließe die Augen, wobei mich dieses tiefe Gefühl der Dankbarkeit überkommt. Dankbar dafür in Begegnung unterwegs zu sein und dafür all diese wunderbaren Erlebnisse machen zu können. Hoffentlich sieht mein Sitznachbar nicht die Freudentränen in meinen Augen.

Nach zwei erfüllten Tagen in Izmir bei Adam, einem Freund den ich vor 2 Jahren auf meiner letzten Reise in den Iran kennengelernt habe und jetzt wieder besucht habe, breche ich gegen 11 Uhr von seiner kleinen Wohnung auf. Etwas unruhig ziehe ich die Tür hinter mir zu, genervt von mir selbst, dass ich statt der geplanten zwei Stunden bis zum Aufbruch drei gebraucht habe. Doch bis alle ausstehenden Telegramm und WhatsApp Nachrichten beantwortet und die Couchsurfing Anfragen für mein nächstes Ziel geschrieben waren verging mehr Zeit als gedacht. Schließlich laufe ich durch die quirlig lebendigen Straßen von Izmir und in mir ist wieder dieses Gefühl des Abschieds von einer bekannten Umgebung und einer Freundschaft die gerade erst entsteht, um ins Unbekannte aufzubrechen.
Schnell schiebe ich die düsteren Gedanken jedoch beiseite und konzentriere mich auf mein nächstes Ziel: Van, eine Stadt nahe an der iranischen Grenze, mitten im Kurdengebiet der Türkei, 1730 km entfernt. Das letzte Mal in dieser Gegend war ich fasziniert von dem wunderschönen See und der Herzlichkeit der Menschen, sodass ich mich entschlossen habe, dieses Mal etwas mehr Zeit dort verbringen, um die Kultur der Kurden mehr kennenzulernen und auch um die Menschen und ihren Drang nach Unabhängigkeit besser zu verstehen

Schnell kaufe ich mir noch etwas Brot für Unterwegs, doch auch an dem Stand mit Baklava kann ich nicht vorbeigehen, ohne mir eine Kleinigkeit einpacken zu lassen. Schon beim Anblick des klebrig süßen Gebäcks läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Die türkischen Süßigkeiten sind nicht umsonst weltbekannt und auch die Türken wissen das sehr gut zu schätzen. Vielleicht kommt daher das Sprichwort: Ein Mann ohne Bauch (auch türkischer Muskel genannt) ist wie eine Wohnung ohne Balkon.

Entgegen meiner Erwartungen komme ich viel schneller aus der Stadt als geplant. Doch dann fängt die Durststrecke an.
Türkische Autobahnen sind irgendwie anders strukturiert als deutsche. Wohnhäuser stehen häufig direkt am Straßenrand, Industriegebiete sind nicht klar von Wohngebieten getrennt und Reihen sich rechts und links der Autobahn. Dazwischen befinden sich allerlei kleine Buden wo man gefühlt alles kaufen kann. Von Schuhcreme über Obst bis hin zu Haarpflegeprodukten. Dazu kommt noch, dass Tankstellen hier scheinbar ein Herdenverhalten aufweisen. Nicht selten stehen drei im Abstand von 100 Metern hintereinander. Hat man sich also gerade Vielversprechendste entschieden, halten gefühlt alle Autos an den anderen beiden.
Dass alles addiert sich noch auf den Umstand, dass trampen in der Türkei nie so üblich war wie in Nordeuropa und daher an vielen Stellen auf völliges Unverständnis und nicht selten offene Ablehnung trifft.

Nach circa einer Stunde andauernden hin- und her Laufens zwischen zwei Tankstellen, um die wenigen Autos abzugreifen, stehe ich frustriert direkt an der Autobahn und halte den Daumen in die Luft, als ein schicker Mercedes neben mir wieder auffahren will und der Fahrer mich nach kurzem Zögern mitnimmt. So lerne ich Yusuf und Achmed kennen, von denen ich aber an anderer Stelle noch einmal mehr erzählen werde. Die beiden setzen mich in Uşak etwa 200km entfernt von Izmir, an einer Ampel am Eingang der Stadt ab. Da die Rotphase dort recht lange ist und noch dazu mit einem Countdown angezeigt wird, entschließe ich mich dort mein Glück weiter zu versuchen. Die folgende Stunde laufe ich einen Graben in den Grünstreifen neben der Straße während ich bald fast wie vom Band die Worte: Merhaba, Afyon a gıdiyor musun (Hallo, fahren Sie nach Afyon) herunterbete. In Afyon wurde früher viel Opium angebaut, daher hat die Stadt auch ihren Namen (Afyon, türkisch für Opium).

Schließlich nimmt mich ein Pärchen mit und mir wird wieder einmal deutlich wie sehr ich, ganz alleine unterwegs, in Resonanz gehe mit den Menschen die mir begegnen. Im Positiven wie auch im Negativen. Beide sprechen kein Wort Englisch und sind auch nicht wirklich an einem Austausch, zumindest mit Händen und Füßen oder Google Übersetzer, interessiert. Aufwändig frisiert und in reines Weiß gekleidet rauchen sie beständig. Dabei singt sie aus voller Kehle schief zu türkischer Pop-Musik wobei sie versucht 200% seiner Aufmerksamkeit zu bekommen was ihr auch meistens gelingt. Er, teilweise etwas genervt, stimmt aber dennoch, zum Glück nicht ganz so schief immer wieder mit ein. Überhaupt sind die beiden sehr viel mit sich beschäftigt, während ich mich mehr und mehr zurückziehen und die Landschaft am Fenster vorbeigleitet.

Warum mache ich das nochmal? Ach ja, um etwas zu erleben, aber das hier? Langsam fast unbemerkt schleicht sich das Gefühl der Einsamkeit ein. Ich beachte es erst nicht doch das macht es nicht besser. Was mache ich hier eigentlich, irgendwo in der Türkei im Niemandsland zwischen zwei Kleinstädten, im Auto eines seltsamen Pärchens, denen ich zwar sehr dankbar bin, dass sie mich mitgenommen habe, aber ich bis jetzt nicht wirklich verstehe warum. Als Ziel habe ich eine über Tausend Kilometer entfernte Stadt wo ich noch nicht einmal weiß, ob ich dort eine Bleibe habe und heute Abend werde ich vermutlich irgendwo hinter einer Tankstelle im Industriegebiet mit den Straßenhunden übernachten. So vergeht ungefähr eine halbe Stunde bis ich genervt von meinen düsteren Gedanken versuche ich die Weite der Landschaft um mich herum mehr wahr und all das als Teil meiner Reise anzunehmen. Ich habe mich für diese Reise klar entschieden, mit allem was dazu gehört, also auch mit diesem hier. Beim Mittagessen kurze Zeit später versuche ich vergeblich ein kleines Gespräch zu beginnen doch alle Versuche verebben nach wenigen Worten.

Schließlich stehe ich an einer fast leeren Raststätte, an der außer ein paar vereinzelten Autos nur ein großer Reisebus steht. Die Sonne geht schon fast unter und ich überlege hier über Nacht zu bleiben. Da ich aber noch gerne bis in die nächste größere Stadt kommen würde, beschließe ich doch noch zu versuchen weiterzukommen. Zu allem Überfluss kommen gerade noch drei türkische Polizisten an und ich sehe schon wie sie mich von der Raststätte schicken, „for savety reasons“ oder irgendeinem anderen fadenscheinigen Grund. Meine bisherigen Erfahrungen mit türkischen Polizisten oder Sicherheitsleuten an Tankstellen waren häufig eher bescheiden.
Zu meiner Überraschung spricht mich der jüngste der drei einen Moment später in perfektem Englisch an und fragt ob ich Hilfe brauche. Mit dem Gefühl ertappt worden zu sein, erkläre ich ihm mein Anliegen und zügig spricht er alle Gäste im Restaurant an, um mir eine Minute später einen Mann vorzustellen der mich mitnehmen will. Kurz darauf stelle ich fest, dass es der Busfahrer ist und so verlasse ich die Tankstelle zusammen mit 15 anderen Fahrgästen in einem Reisebus. Natürlich bin ich sofort das Gesprächsthema des ganzen Busses und schnell findet sich auch eine Übersetzerin, die sich mir als Fatma vorstellt.

Während der nächsten Stunde unterhalte ich mich angeregt mit Ihr und lerne auch ihren Mann Bülent kennen. Sie ist Professorin für Lebensmitteltechnik und er Chemielehrer. Beide sind auf dem Heimweg Richtung Adana, einer Stadt ganz im Süden der Türkei in der Nähe der syrischen Grenze und dem bei uns eher bekannten Militärflugplatz Incirlik. Jedes Mal, wenn wir ins Stocken kommen hilft entweder Google oder Fatmas Schwager, Maschinenbauingenieur bei Mercedes in Stuttgart, der perfekt Deutsch spricht, bereitwillig übersetzt und mich nebenbei nach Istanbul einlädt wo er gerade für Mercedes arbeitet.

Mit einem Handy der beiden checke ich mein Couchsurfing Profil und stelle fest, dass ich schon zwei Zusagen für eine Übernachtung in Van bekommen habe. Spätestens jetzt löst sich der letzte Rest der düsteren Stimmung und die Frage warum ich unterwegs bin scheint banal. Für genau diese Augenblicke und nichts sonst.

Dass die beiden mich einladen wollen merke ich schon kurz vorher doch als sie es aussprechen zögerte ich kurz. Das würde bedeuten meine Gastgeber in Van zu versetzen, ich würde noch länger nach Pakistan brauchen, recht nah an der syrischen Grenze vorbeifahren und außerdem einen Großteil der Strecke durch die Türkei mit dem Bus fahren. Die beiden haben mir zwar schon jetzt versprochen alles zu zahlen, allerdings stäubt sich in mir doch noch der Teil, der die ganze Strecke nach Pakistan per Anhalter fahren möchte. Die Unentschlossenheit in mir währt jedoch nur kurz und ich entscheide mich dafür meinem Gefühl zu folgen und die Einladung anzunehmen. Prinzipien sind wichtig und bieten Orientierung. Allerdings neige ich dazu, mich von ihnen einengen zu lassen und dann stehen sie dem Erleben und der Freiheit des Reisens im Wege.
Kaum habe ich die Entscheidung getroffen, spüre ich wie mich eine tiefe Freude durchströmt. Ganz da im hier und jetzt könnte ich die ganze Welt umarmen. Fatma lacht mich Freudestrahlend an und auch Bülent freut sich sichtlich über meine Zusage.

Die Erlebnisse meiner Reise berühren mich, fordern mich und nicht selten werde ich kräftig durchgeschüttelt. Am Ende waren sie bis jetzt aber vor allem eines: Leben in jedem Atemzug.

Impressionen aus der Türkei


6 thoughts on “Höhen und Tiefen”

  1. Hey Brüderchen,
    mich berührt, was du von deinen Erlebnissen schreibst. Da kommt mir mein Leben hier mit seinen Herausforderungen gerade ziemlich durchgetaktet und turbomäßig vor. Danke für deine Berichte und die für mich sehr lebendigen Schilderungen deiner Erlebnisse. Ich bin richtig eingetauscht gerade.
    Bei „for hitchhiking reasons“ aus dem anderen Bericht habe ich lachen müssen und konnte mir das so richtig gut vorstellen 😀
    Gute Weiterreise!

    1. Danke Lukas! Ja, in gewisser Weise ist das Reisen per Anhalter doch eine Entschleunigung, auf der anderen Seite sind die Tage häufig so dicht und voll von Erlebnissen, dass sie mir auch ziemlich „turbomäßig“ vorkommen.
      Ja das mit dem Trampen in Griechenland muss ich wirklich noch üben, da gilt es irgendwie ganz andere Dinge zu berücksichtigen. Jedenfalls ist es total dumm hinter einer Leitplanke im hohen Gras zu stehen, wenn vor einem ein 2 Meter breiter Standstreifen ist. Ich glaube die beiden Polizisten wollten nur ihrer Pflicht nachkommen und wahrscheinlich war ihnen sehrwohl klar, dass ich mich nicht an ihre Anweisung halten würde :).

  2. Lieber Moritz,
    deine Bilder sind unglaublich beeindruckend! Sie zeigen nicht nur kurze Schnippsel von dem, was du gesehen und erlebt hast, sondern fangen eine unbeschreibliche Stimmung ein. Zusammen mit deinen Texten, haben sie eine fesselnde Wirkung.
    Sind die Bilder von dir mit Selbstauslöser aufgenommen oder von deinen Freunden und zeitweisen Mitreisenden?
    Grüße aus der Bib
    Annkathrin

    1. Danke!
      Die während dem Trampen sind mit Selbstauslöser aufgenommen und meist ziemlich aufwändig, da ich erst mein Stativ rausholen muss, die Kamera positionieren und dann auch noch richtig scharf stellen muss. Die Anderen sind meist von Freunden unterwegs denen ich kurz meine Kamera in die Hand gedrückt habe.
      Liebe Grüße zurück in die Bib!

      1. Daraus schließe ich Mal, dass du teilweise recht lange auf eine Mitfahrgelegenheit warten musst. Muss auch witzig für die Vorbeifahrenden sein, wenn ein junger Mann auf dem Seitenstreifen ein Stativ aufbaut 😀
        Aber die Mühe lohnt sich ja!

        1. Ich habe ein ganz kleines flexibles Stativ, dass ich an die Leitplanke klemmen kann. So entstehen die meisten Bilder von mir. Das Ganze braucht nicht lange aber nicht selten bin ich gerade am Foto machen und ein Auto hällt… 🙂

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