Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
H.Hesse
Irgendwann gegen sechs Uhr morgens verstummte der Vogel neben meinem Zelt, der gefühlt die ganze Nacht versucht hatte mit seinem eintönigen Krächzten einen Partner fürs Leben zu finden. Ob er Erfolg hatte oder nicht war unklar, allerdings dauerte mein Schlaf danach auch nur noch so lange an, bis der Nachbarshund meinte, dass ganz plötzlich auf dem verwilderten Gartengrundstück neben an jemand ein Zelt aufgestellt hatte und die gesamte Nachbarschaft darüber Informiert werden müsste. So kroch ich langsam aus meinem etwas klammen Schlafsack, um festzustellen, dass es zwar nachts nicht geregnet hatte, dafür mein Zelt aber von innen durch Kondenswasser komplett nass geworden war.
Nachdem ich gestern Abend hier in Kalambaka, einer kleinen Stadt in Nord Griechenland angekommen war, hatte mich der Fahrer meines letzten Autos überzeugt, dass ich nicht gehen könnte, ohne mir die weltbekannten Klöster der Gegend anzuschauen. Seit einigen Jahren Teil des Unesco Weltkulturerbe hatten Mönche vor über 700 Jahren damit begonnen auf den Felsplateaus oberhalb der Stadt Klöster zu errichten, die Langezeit nur über bis zu 50 Meter lange Lastenaufzüge erreichbar waren. Schon durch einen ersten Blick von außen schwer beeindruckt, entschied ich mich noch einen halben Tag hier zu bleiben, um erst gegen Mittag Richtung Athen aufzubrechen, um von dort, vielleicht noch am selben Tag, die Fähre in die Türkei zu nehmen.
Mit geübten Griffen war das Zelt schnell zusammengepackt und wenig später saß ich noch etwas verschlafen vor einem Souvenirshop auf der Bank und aß die Hälfte meines Brotes, das ich am Tag zuvor in Tirana gekauft hatte. Nachdem der Souvenirshop gegen halb 8 geöffnet hatte, genoss ich noch kurz die Vorzüge von fließend Wasser und jetzt endgültig wach lief ich den Berg hinauf in Richtung der ersten Klöster, um bei jedem Auto das an mir vorbeifuhr kurz den Daumen in die Luft zu halten. Nachdem mich schon einige Reisebusse auf der engen Straße wagemutig überholt hatten, hielt ein kleines Auto und mit schnellem Winken bedeutete mir der Fahrer einzusteigen. Als gelernter Restaurator war Nicola war auf dem Weg zur Arbeit in einem der Klöster. So kam es, dass ich schnurstracks an allen anderen wartenden Touristen vorbeigeführt wurde, ein kurze Handwink von Nicola als „Ticket“ genügte, und ich eine kleine Privatführung durch das noch fast leere Kloster bekam. Während der nächsten zwei Stunden passte Nicola auf meinen Rucksack auf und ich bestaunte in aller Ruhe verwinkelte Dachkonstruktionen, uralte Iconen, ausgefeilte Schnitzarbeiten und kunstvolle Gewänder. Schließich beschloss ich mir noch ein anderes Kloster anzuschauen und dann mein Glück zu versuchen vielleicht noch heute die 300 km bis nach Athen zu kommen. Doch obwohl ich die Erfahrung eigentlich schon gemacht hatte, war mir in dem Moment nicht ganz klar, dass je mehr Pläne man macht, desto weniger passiert genauso wie man es sich vorstellt. Frohgemutes zog ich also los.
Wenig später stand ich in voller Mittagshitze an einer Autobahnauffahrt und spürte wie ich langsam in den Genuss meines ersten Sonnenbrandes kam, was an sich nicht so schlimm gewesen wäre wenn es sich wenigstens gelohnt hätte. Allerdings hatte ich mir eine Auffahrt ausgesucht, bei der maximal ein Auto alle 15 Minuten auffuhr. Nur um die Absurdität der Situation noch zu toppen war das dritte Auto ein Polizeiauto und der nette Polizist wies mich darauf hin, dass ich aus Sicherheitsgründen bitte hinter der Leitplanke im hohen Gras stehen sollte. Auf meine Frage, ob er mich vielleicht zu der nächsten Auffahrt mitnehmen könnte, sagte er nur: „I am sorry, for safety reasons, I can not.“ Kaum war das Auto außer Sichtweite stand ich „for hitchhiking reasons“ wieder vor der Leitplanke.
All das half jedoch nichts und so beschloss ich mein Glück über die Landstraßen zu versuchen. Das funktionierte deutlich besser, allerdings war das Fortkommen deutlich langsamer als gehofft, sodass ich schon bald still und heimlich mein Ziel heute noch zur Fähre zu kommen, auf einem der Müllhaufen am Straßenrand entsorgte. Wenig später stand ich wiederum in der prallen Sonne an einer Ampel, die ich regelmäßig drückte um wenigstens ein paar Autos anzuhalten und nach ihrem Weg zu fragen. Plötzlich hielt an der gegenüberliegenden Seite ein Auto und mit lautem Rufen und Lachen lernte ich Yoli und Midia kennen. Regelmäßig nach Trampern Ausschau haltend, hatten sie mich zuerst übersehen, waren dann aber noch einmal umgedreht um mich aufzusammeln. Dankend nahm ich ihr Angebot an, mich zum Ausgang der Stadt zu bringen, um dort eine bessere Chance auf eine Mitfahrtgelegenheit zu haben. Auf dem Weg dorthin durch die Stadt wurde ich spontan (oder eher geplant, wie ich später erfuhr) auf einen Kaffee eingeladen den ich, nachdem ich meine Pläne heute noch Athen zu erreichen endgültig über Bord geworfen hatte, dankend annahm. Während der angeregten Unterhaltung die nächste Stunde, erfuhr ich das die beiden Studentinnen regelmäßig nach Trampern Ausschau hielten um sie, wie sie sagten, zu kidnappen. Da ich mich ansonsten aber recht wohl in meiner Haut fühlte und mir mein innerer Kompass eher sagte, dass ich gerade sehr viel Glück hatte blieb ich und nach kurzem Zögern entschied ich, dass ich genauso gut auch noch morgen von hier aus versuchen könnte Athen zu erreichen und nahm dankend Midia’s Angebot an über Nacht zu bleiben. Kurz darauf lernte ich die Marta und Katharina, die Mütter der Beiden kennen und gemeinsam fuhren wir zuerst Topfpflanzen einkaufen und anschließend zu Jumbo einem riesigen Laden voll mit Dingen von denen ich nie gedacht hätte, das andere denken das, ich denke so etwas irgendwann in meinem Leben zu brauchen. Schon beim Betreten schlug mir der intensive Geruch nach frischem Plastik und Weichmacher entgegen. Zu meiner Überraschung fand ich jedoch auch etwas. Zwar war es nicht der Einhorn-Haarreif mit Glitzerohren mit dem mich Midia gerne trampen gesehen hätte, dafür aber ein sehr praktischer Sonnenhut. Noch etwas benebelt von den Plastikdämpfen stand ich an der Kasse, als mir Katharina, Midia’s Mutter, den Hut entschlossen aus der Hand nahm und bevor ich wirklich reagieren konnte bezahlte. Jetzt endgültig davon überzeugt, dass Kidnapping auch seine positiven Seiten, hat fuhren wir wieder heimwärts während mir Katharina, nicht zum letzten Mal während meiner Zeit hier, die griechischen Geschichte in aller Ausführlichkeit erklärte, zum Leidwesen von Midia und Yoli, die die Geschichten schon in- und auswendig kannten aber dennoch genötigt wurden alle Details zu übersetzen. Schließlich endschieden die Beiden, dass für heute die Geschichtsstunde beendet sei und mit dem Angebot morgen einen schönen See in der Nähe anzuschauen wurde ich gefragt, ob ich vielleicht doch noch einen Tag hierbleiben wollte. Daheim angekommen klärte ich kurz mit meinem Freund in Izmir ab, ob ich auch erst am Freitag ankommen könnte und so war der Länge des Abends kein Limit gesetzt, was gleich zu einer ausführlichen Planung des Abendessens führte.
Schnell wurden große Mengen Gyros bestellt und in einem Supermarkt noch Wein, Bier und Gemüse gekauft. So vergingen die nächsten Stunden mit weiteren Geschichtsdetails aber auch mit angeregtem Austausch über die kulturellen Unterschiede und den Wert der Familie in Griechenland und Deutschland. Auch wenn der Job in Griechenland eine wichtige Rolle spielt, so Katharina, wird jemand der erfolgreich im Beruf ist, aber keine Familie hat hier eher bemitleidet. Auch wären die Folgen der Wirtschaftskrise hier sehr viel schlimmer gewesen, hätten nicht die starken Familienbande einen Großteil des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und der damit verbundenen Armut aufgefangen.
Noch völlig erfüllt von dem Abend und dem reichhaltigen Essen lag ich, nicht nur leicht angetrunken gegen halb 3 Uhr morgens in meinem Bett, schrieb noch kurz Tagebuch, mit dem Gefühl einen kleinen Einblick in die griechische Kultur bekommen zu haben und reich beschenkt worden zu sein. Während draußen die Hunde bellten schlief ich tief nach einem erfüllten Tag auf Reisen, in Vorfreude auf den morgigen Tag am See und dankbar solche warmherzigen Menschen getroffen zu haben.

Frühstück 

Fünf Sekunden Sonne 

alter Aufzug 


Gyros 
Gastfamilie





Die Bezeichnung „Kidnapping“ ist nett. Als 20jähriger habe ich das auch gemacht, und gezielt nach Anhaltern gesucht, um auf längeren Strecken unterhalten zu werden.