Es gibt viele Dinge die man auf Reisen lernen kann. Einige sind offensichtlich, wie zum Beispiel sich selbst zu organisieren, eigenständig zu planen oder offen dem Fremden zu begegnen. Andere Dinge sind weniger offensichtlich und erst, wenn man unterwegs ist wird deutlich, dass sie herausfordernder sind als man denkt. Für den einen mag das vielleicht sein, lange Zeit Freunde und Familie nicht zu sehen, ein anderer unterschätzt möglicherweise wie einsam man sich mitten unter Menschen in einer fremden Kultur fühlen kann.
Für mich war und ist auf dieser Reise besonders herausfordernd, die Dinge hinzunehmen wie sie sind und zu akzeptieren, dass, so gerne ich doch mein eigener Herr bin und frei mich für oder gegen etwas entscheiden möchte, ich doch an vielen Stellen einer, so fühlt es sich jedenfalls an, gewissen Willkür ausgeliefert bin. Das erste Mal habe ich dieses Thema in meinem Eintrag “NOC” behandelt, der, das gebe ich zu, an manchen Stellen etwas zu drastisch geschrieben ist, was vermutlich meinem Schreibeifer und meinem Wunsch neues Auszuprobieren geschuldet ist. Bei diesem Eintrag und auch bei dem was ich dieses Mal berichte, ist mir jedoch wichtig zu betonen, dass ich mich nie über die Menschen und die Kultur stellen möchte oder in irgendeiner Weise andere Verhältnisse verlange. Ich will lediglich versuche dem Leser einen Eindruck zu vermitteln, wie es mir ergeht in den verschiedenen Situationen, sehr wohl bewusst, dass auch ich nur ein Kind meiner kulturellen Prägung bin.
Heute vor einem Monat habe ich in Quetta mein Iran E-Visum für die Rückreise beantragt. Nach dem Ausfüllen sämtlicher Felder bekam ich eine Bestätigungsmail mit dem Hinweis, dass ich in 3 Tagen meinen Antragsstatus einsehen kann. 10 Tage später hatte sich an dem Status “Application in process” noch immer nichts geändert und so entschied ich, direkt die iranische Botschaft in Islamabad anzurufen. Dort erfuhr ich, dass ich mit einem Ausdruck des Antrags und meinem Pass persönlich in der Botschaft vorbeikommen müsse. Etwas perplex und verwundert, dass an keiner Stelle darauf hingewiesen wurde, nahm ich mit vor, gleich am nächsten Tag nach meiner Ankunft in Islamabad zur Botschaft zu gehen.
Parallel dazu wurde, noch während ich in Lahore war, das Pakistan-Visum einer Freundin, die mit mir in den Norden reisen wollte ohne Begründung abgelehnt. Es gab keinerlei Möglichkeiten die Gründe einzusehen, noch eine Mailadresse oder Telefonnummer bei der man sich beschweren konnte. Selbst vor Ort beim Ministerium wies man mich ab. Die 45 € Gebühr wurden natürlich einbehalten. Da wir uns allerdings nicht so schnell geschlagen geben wollten, versuchten wir es erneut, dieses Mal mit einem persönlichen Einladungsschreiben einer meiner Gastgeber. Die Tage vergingen ohne eine Antwort, weder positiv noch negativ. Versuchte man über die Helpline jemanden zu erreichen, war entweder besetzt oder man wurde im Kreis geschickt. Niemand war zuständig. A gab mir die Nummer von B, B die Nummer von C und C war sowieso ganz der falsche Ansprechpartner und verwies auf A. So saß ich da und war dazu verdammt zu warten.
In Islamabad angekommen, ist es Donnerstag und ich will gleich zu Botschaft. Zum Glück rufe ich jedoch vorher an und erfahre, dass Visaanträge nur von 9 bis 12 entgegengenommen werden und ich am Montag vorbeikommen soll, da von Freitag bis Sonntag Wochenende ist. Ich schlucke meinen Ärger hinunter und beschließe das Wochenende zu genießen, was mir auch sehr gut gelingt. Ich lernte Hassam kennen. Gemeinsam verbringen wir viele Stunden und erkunden die Stadt.
Pünktlich um 9 erscheine ich am Montag am Eingangsbereich des Botschaftsviertels. Doch ich erfahre, dass die iranische Botschaft heute auf Grund eines schiitischen Feiertags zu hat. Hatte der Mann am Telefon nicht gesagt, ich könne am Montag vorbeikommen? Ich bin frustriert und fahre unverrichteter Dinge wieder ab. Am nächsten Tag stolpere ich durch die unübersichtlichen Regularien die nötig sind um das Botschaftsviertel zu betreten. Am Ende muss ich sogar eine Unfallversicherung abschließen, falls mir während der 15-minütigen Busfahrt für 500 Rupien (sehr viel!) etwas zustößt. Der Unfalltod ist mit 500.000 Rupien versichert. Als ich schließlich, eine Stunde nach Ankunft vor der Botschaft stehe, erfahre ich, dass man als Europäer auch bequem zu Fuß durch eines der anderen Eingangstore gehen kann. Woher soll man das wissen? Warum sagt einem das keiner?
Mit mir steht ein Spanier in der Warteschlange. Er wartet seit einem Monat auf sein Visum und hat 12000 Rupien dafür gezahlt. Mir rutscht das Herz in die Hose. Ein Monat ist viel zu lange für mich, ich habe maximal 3 Wochen. Am Ende zahle ich 3500 Rupien und mir wird gesagt, dass manch ein Visum 1 Tag braucht, ein anderes 2 Monate, niemand kann das voraussagen. Mir bleibt nichts anderes übrig als zu bezahlen und zu hoffen. 2 Tage später bekomme ich einen Anruf, dass mir versehentlich die falsche Summe für mein Visum berechnet wurde. Ich soll 5000 Rupien mehr überweisen, allerdings bin ich zu diesem Zeitpunkt in den Bergen, so, dass ich Hassam darum bitten muss.
An anderer Stelle hat sich mittlerweile etwas getan. Das Visum für die Freundin in Indien wurde genehmigt. Die Freude darüber währt jedoch nur kurz, da auf dem PDF Dokument vermerkt ist, dass das Visum bei: “ihrer Ankunft am Flughafen für Sie bereitliegt”. Die Freundin befindet sich in Amritsar, einer Stadt die 50km von der pakistanischen Grenze und 100km von Lahore entfernt liegt. Um über Luft einzureisen müsste sie nach Dubai fliegen oder nach Katmandu reisen, da es keine direkten Flüge zwischen Pakistan in Indien gibt. Auf die Nachfrage ob mit diesem E-Visum auch eine Landeinreise möglich ist, bekommen wir drei Tage später die Antwort. Ja ist es!
So reise ich für eine Woche in die Berge, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass ich vielleicht umkehren muss, um für ein Interview in der Botschaft zu erscheinen. Plötzlich funktioniert jedoch meine SIM Karte nicht mehr. Nichts reagiert mehr. Da jedoch gerade die Eid Feiertage anlässlich des Fastenbrechens begonnen haben, sind für 6 Tage sämtliche großen Geschäfte geschlossen. Eine neue SIM Karte will mir auch keiner der kleineren Läden verkaufen, da man dazu einen pakistanischen Personalausweis benötigt. Zwar wären die meisten bereit, an der Stelle im Computer meine Passnummer anzugeben, das Eingabefenster akzeptiert jedoch nur Zahlen, keine Buchstaben.
Ohne jeglichen Kontakt nach außen, reise ich anschließend durch die Weiten der pakistanischen Berge und genieße meine schönste Zeit seit der Ankunft. Atemberaubende Weiten, majestätische Berge und strahlend blaue Gebirgsseen. Dazwischen Dörfer in denen Ehrenmorde noch selbstverständlich sind und in denen ein Gast wie ein König behandelt wird. Die Zeit vergeht wie im Flug und eine Woche später erreiche ich Gilgit, eine der größten Städte im Norden.
Dort erfahre ich, dass meine SIM Karte von der Regierung gesperrt wurde. Als ich bei der entsprechenden Vertretung des Telekommunikationsministeriums vorstellig werde, stelle ich fest, dass der Verkäufer der SIM Karte in Quetta vermutlich mein Visum nicht richtig lesen konnte. Nach Ausstellung des Visums in Deutschland habe ich 3 Monate Zeit in Pakistan einzureisen. Von dem Moment der Einreise an steht mir ein Aufenthalt von 90 Tagen zu, auch wenn ich am letzten Tag der 3 Monate einreise. Das war dem Mann wohl nicht bewusst und so wurde meine Karte automatisch gesperrt nach Ablauf der 3 Monate. Das Entsperren dauert 24 Stunden und trifft mich in einem sehr ungünstigen Moment. Über WLAN konnte ich inzwischen meine Mails checken und erfahre von der Botschaft in Islamabad: “you will have to process your visa through Authorized Travel/Tour operators in Tehran”. Auch wenn ich diese Nachricht nicht wirklich verstehe ist klar, dass ich zurück nach Islamabad muss, falls ich noch irgendeine Chance auf ein Visum haben möchte. Auch wenn ich es eigentlich noch nicht richtig wahrhaben will, merke ich, dass ich mich langsam mit dem Gedanken anfreunden muss nach Aserbaidschan zu fliegen, wenn ich noch rechtzeitig Anfang Juli meine Famulatur antreten möchte.
Als ich die Botschaft am Montagmorgen über das Handy eines Freundes anrufe erfahre ich, dass es eigentlich das Beste wäre mein Visum komplett neu bei einem Konsulat zu beantragen. Die Botschaft hat aus irgendwelchen Gründen Schwierigkeiten Visa schnell zu bearbeiten. In Lahore, so verspricht man mir, würden Visa häufig innerhalb eines Tages ausgestellt. Natürlich werde ich dann noch einmal die 50 € Gebühren zahlen müssen. So entscheide ich mich für die 22 stündige Busfahrt von Gilgit nach Islamabad, um anschließend fünf Stunden nach Lahore weiterzufahren. Immerhin werde ich so die Möglichkeit haben mich doch noch mit der Freundin aus Indien zu treffen. Eine Woche bleibt mir jetzt noch.
So sitze ich nun im Bus und die schwarzen Silhouetten der Berge ziehen am Fenster vorbei. Die Sonne geht gerade unter und manch einer der kahlen Berge erstrahlt im goldenen Abendlicht. Ich bin nachdenklich gestimmt. Was kann ich aus all dem lernen? So sehr ich meine Reise planen kann gibt es doch immer Faktoren die wieder alles durchkreuzen können und die ich in keiner Weise beeinflussen kann. Einige Entscheidungen betreffend meiner Reise liegen völlig außerhalb meines Einflusses und das zu akzeptieren, ohne mich über die Ungerechtigkeit oder die Nicht-Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen zu beschweren, fällt mir noch immer schwer. Sich in solchen Momenten trotzdem für die Reise zu entscheiden und vor allem dafür, dennoch das Beste daraus zu machen und es zu genießen unterwegs zu sein auch wenn alles vielleicht ganz anders kommt als geplant, ist das was mich am meisten bisher herausfordert und ist vielleicht ein Teil dessen, was man die Kunst des Reisens nennt.





Lieber Moritz, ja, das klingt vertraut, all das, was nicht funktionieren will… Ob Du das Buch mit dem Titel “ The man with the key is gone“ kennst? Übrigens Berichte eines ärztlichen <Kollegen aus Afrika… Ich bin immer wieder davon berührt, wie die teilweise fünfstündigen Wartezeiten in unserer Ambulanz in Nairobi ohne jedes Wort hingenommen werden, keine Klage, keine Beschwerde. Vermutlich sind die Menschen gewohnt, dass man sowieso wenig bewegen kann und das Sichbeschweren nur unnötig eigenen Ärger steigert. Schade, dass das Erzählen über die beste Zeit Deiner Reise, wie Du sagst, in den Bergen, darin untergegangen ist, das Knirschen im System zu beschreiben. Was haben wir es gut, dass hier relativ wenig hakt und vieles funktioniert ( in Relation). Die deutsche Bürokratie hat ihre Vorteile…Vielleicht kommt noch eine Runde Blog mit Bergbildern? Komm gut und heil zurück!
Liebe Sabine,
entschuldige für die späte Antwort. Das Buch klingt sehr spannend, ich werde mich auf jeden Fall danach umschauen wenn ich zurück bin.
Ja du hast Recht, dass meine Zeit in den Bergen viel zu kurz gekommen ist. Vorallem habe ich einige sehr schöne Fotos (fast die Besten bisher) die ich noch hochlanden möchte. Vielleicht schaffe ich es bevor ich zurück bin, aber ein „Bergeintrag“ kommt bestimmt noch! 🙂
Liebe Grüße aus Tbilisi