Belutschistan

Schon von weitem sehen wir den letzten Checkpoint vor der iranisch-pakistanischen Grenze. Mitten aus der Ebene erheben sich ein paar versprengte Häuser, der Schlagbaum ragt drohend in die Luft wie ein erhobener Zeigefinger, der mahnt sich nicht zu wiedersetzen. Langsam, in Schrittgeschwindigkeit fahren wir über die Rüttelschwellen. „Passport“ blafft mich der etwas dickliche Polizist im Befehlston an. Die Hände sind lässig im Gürtel eingehängt, über dem sich das Hemd unter dem prallen Bauch spannt. Das Sturmgewehr hängt locker über der Schulter. Schon vom ersten Moment an merkt man, dass hier jemand gewohnt ist Befehle zu geben, die nicht in Frage gestellt werden und der diese Befehle auch gerne gibt. Auf meine Antwort: „Passport in back“, wobei ich auf den Kofferraum deute, wiederholt er seine Forderung nur noch einmal, dieses Mal noch schärfer. Mir bleibt nichts anderes übrig als meine Antwort ebenfalls zu wiederholen, bevor Soheil auf Persisch die Situation klärt. Wir fahren an die Seite und kurz darauf lege ich meinen Pass in die fordernde Hand des Offiziers. Betont lässig blättert er meinen Pass durch und bedeutet uns mit einer eindeutigen Geste beim Auto zu warten.
Die Sonne hat mittlerweile die Kühle der morgendlichen Wüste vertrieben und lässt uns ihre Kraft deutlich spüren. Soheil ist genervt: “Last time, they told me not to stay foreign people! I said: It’s not your buissnes at all”. Nach ca. 10 Minuten höre ich eine Stimme rufen: “Mister, mister”. Ein anderer Polizist reicht mir von der Mauer des Checkpoints meinen Pass entgegen. Vorsichtig greife ich durch den scharfen Stacheldraht um mich nicht zu verletzen. Alles in Ordnung, es kann weitergehen.

Ohne Probleme reise ich aus dem Iran aus und laufe anschließend zwischen hohen LKWs zum pakistanischen Grenzposten. Von meiner Aufregung der letzten Tage ist nichts mehr zu spüren und das Einreiseformular fülle ich derart schlampig und unleserlich aus, dass der Mann hinter dem Schalter meinen Zettel sofort zerreißt und zu einem neuen Blatt greift um es selbst auszufüllt. Und dann habe ich es auch schon geschafft. Keine weiteren Kontrollen, keine Fragen. Jetzt bin ich tatsächlich 8000 km per Anhalter nach Pakistan gereist.
100 Meter hinter der Grenze wartet der erste pakistanische Checkpoint auf mich. Gleich wird mir ein Stuhl angeboten und ich darf meine ganzen Personalien in ein zerfleddertes Buch eintragen. Nicht zu vergessen ist der Vorname meines Vaters. Ein Blick auf die Daten der verschiedenen Einträge verrät, dass hier im Schnitt aller zwei bis drei Tage Ausländer vorbeikommen. Gar nicht so viele, wenn man sich überlegt, dass ich mich die nächsten zwei Tage durch das Nadelöhr zwischen Indien und Europa bewege. Jedenfalls ist die Straße von Belutschistan momentan die direkteste und wahrscheinlich sicherste Route nach Indien, wenn man von ganz exotischen Wegen über zentral Asien, oder Afghanistan absieht.
Zum Abschied werden noch einmal alle Hände gedrückt und auf einem Motorrad werde ich zu dem 300 Meter entfernten Polizeistützpunkt gefahren. An einer Wand steht „Pakistan Lewis Taftan“. Dort erfahre ich, dass heute keine Patrouille mehr Richtung Quetta fährt und ich den Rest des Tages auf der Station verbringen muss. Rausgehen darf ich natürlich nicht! Frustriert lasse ich mich auf eines der Sofas im Wartezimmer fallend. Warum habe ich mich nicht genauer informiert wann hier Eskorten Richtung Quetta abfahren?
Zum Glück habe ich noch Iranisches Netz und Soheil bucht mir ein Internetpaket, sodass ich den Rest des Tages mit Telefonaten nach Hause verbringe.

Am nächsten Morgen knallt um 7:15 die Tür und ein Mann mit Sturmgewehr steht in meinem Zimmer. „Go?“ „Go!“. Noch völlig neben mir, habe ich eine Minute zum Packen. Schlaftrunken und mit aufsteigender Übelkeit im Magen, stolpere ich aus der Polizeiwache auf einen weißen, verbeulten Geländewagen zu. Der Motor läuft unruhig. Die AK-47 hängt dem Beifahrer locker über der Schulter. Mit einem krachen fällt mein Rucksack auf die Ladefläche und gleich es geht los. Kurz wird noch einmal gehalten um aus Plastikkanistern zu tanken, die denen in den Straßen von Zabol verdächtig ähnlichsehen und schon tauche ich ein in ein neues Land. Pompöse LKWs reihen sich vor der Grenze, jeder Zentimeter bunt bemalt, Randmarkierungen an der Straße fehlen nun vollständig und die Spurrinnen in dem von der Sonne aufgeweichten Asphalt sind tief. Vor allem aber präsent und für mich noch sehr ungewohnt sind die vielen Waffen. Wie selbstverständlich sind sie ein Teil meiner Bewacher. Der Stahl an vielen Stellen blank vom Greifen, das Holz speckig und glänzend Vergeblich suche ich nach Kerben im Gewehrkolben.
Aufgeregt wie ein kleines Kind sitze ich auf der Rückbank und habe das Gefühl gar nicht alles gleichzeitig aufnehmen zu können. Bald verlassen wir Taftan und tauchen ein in die pakistanischen Weiten von Belutschistan. Während der einstündigen Fahrt bleibt mir genug Zeit meine beiden Bewacher zu betrachten. Der Beifahrer, ein alter Mann, von der Sonne dunkel gebräunt, hat tiefe Falten im Gesicht. Die Hand ruht ruhig auf dem Gewehrkolben, aus seinen faltigen Augen blickt er stumm zum Horizont. In Gedanken nenne ich ihn „den Knorrigen“. Habe ich es mir nur eingebildet oder hat er gerade misstrauisch eine Ruine links am Straßenrand betrachtet? Meinen Fahrer sehe ich lange Zeit nur von hinten. Deutlich jünger, sind seine lockigen, schwarzen Haare gepflegt nach hinten gekämmt und hin und wieder erhasche ich einen Blick auf einen gepflegten Schnurrbart. An seiner Hand glänzt ein Silberring mit großem Halbedelstein. Ich taufe ihn „den Schönen“.

Immer wieder halten wir für zwei Minuten an Checkpoints. Pass fotografieren, mich fotografieren, Personalien in ein Roadbook eintragen und schon geht es weiter. Wichtig ist jedoch am Anfang und Ende jedem die Hand zu schütteln.
So geht es den ganzen Tag. Immer wieder wechsle ich die Autos und die Fahrer. Zwischendurch ist ein Polizeiauto kaputt und wir fahren in einem privaten Pickup. Eingeengt zwischen Beifahrer, Fahrer und Schaltknüppel, schläft mein linkes Bein derart ein, dass ich Angst habe eine Nervenläsion zu bekommen. Irgendwann will ich nur noch raus. Prüfend schaue ich beim Aussteigen, ob ich mein Bein noch belasten kann. Es trägt mich noch.
Irgendwann am Nachmittag fahre ich drei Stunden auf der Pritsche eines Pickups mit. Schon bald knirschen meine Zähne beim aufeinanderbeißen vom Staub. Die Sonne steht im Zenit und Staub und Schweiß vermischen sich auf meiner Haut. Ich trinke Liter um Liter und bin immer noch durstig. Doch es ist genial. Ich genieße jeden Moment und freue mich auf den Nächsten. Ich fühle mich mitten im Leben und mit jeder Zelle meines Körpers am Erleben.

Gegen Abend erreichen wir eine Polizeistation auf einer Anhöhe. Hier soll ich übernachten. Die Sonne neigt sich und durch den Dunst der über allem schwebt taucht sie die Landschaft in magisches Licht. Besonders die dunklen Silhouetten der Palmen vor hellem Hintergrund geben mir das Gefühl in einem geheimnisvollen, für mich noch völlig verborgenen Land angekommen zu sein. Die Männer der Wache scherzen miteinander wie alte Freunde. Besonders einer, etwas korpulenter und mit gepflegtem, kurzen, grauen Bart hat es auf den Ältesten der sechs anderen abgesehen. Den ganzen Abend über erzählt er in gebrochenem Englisch, dass dieser schon so ziemlich jede Droge genommen habe und deswegen ein bisschen kaputt im Kopf sei. Jedenfalls interpretiere ich so die Geste, sich an den Kopf zu tippen um anschließend wage durch die Luft zu wedeln. Dabei lacht der Bärtige und gibt dem Alten einen Knuff. Der weiß sich nicht richtig auf Englisch zu verteidigen und so endet das Ganze in einer kurzen freundschaftlichen Rangelei der beiden.
Gerade ist Ramadan und als die Sonne untergeht endet das Fasten für heute. Gemeinsam sitzen wir am Boden um frische Wassermelone, Datteln und frittiertem Gebäck. Dazu gibt es süße, kalte Limonade. Plötzlich ist es still geworden über dem Tal. Überall halten die Autos und Lastwagen am Straßenrand und es wird gegessen. Kaum etwas wird durchbrochen von der Ruhe, nur die alte Wasserpumpe, bei der schon das Windrad fehlt bewegt sich leicht quietschend im warmen Abendwind der mir die Haare etwas zerzaust.
Auch wir greifen nun beherzt zu nachdem ich kläglich gescheitert bin bei dem Versuch den Gebetsgesang zu wiederholen. Kurz schließe ich die Augen und frage mich was es schöneres gibt als mit sechs Polizisten irgendwo in der pakistanischen Weite im letzten Licht des Tages um eine gedeckte Tafel zu sitzen.
Der Rest des Abends vergeht wie im Fluge und ich versuche alles um mich herum aufzunehmen. Den warmen Wind, die Süße der Datteln, das Lachen der Männer.

Am nächsten Morgen erwache ich um 6 Uhr mit Bauchschmerzen und ich merke, dass sich mein erster Reisedurchfall ankündigt. Die Distanzen mit einem Auto sind heute kurz und die Wechsel brauche selten länger als eine Minute. Die aufgehende Sonne taucht die Berge vor uns in warmes und weiches Licht, doch ich kann alles nur schwer genießen. Mein Bauch krampft sich immer wieder schmerzhaft zusammen und ich bin froh, dass die Polizisten mein angespanntes Gesicht auf der Ladefläche hinten nicht sehen. Gegen Mittag bessern sich meine Schmerzen und wir nähern uns Quetta. Je näher wir der Stadt kommen, desto schwerer sind die Polizisten bewaffnet. In die Stadt fahre ich in einem gepanzerten Land Rover mit Geschützturm. Wie ein Schwerverbrecher werde ich keine Sekunde aus den Augen gelassen. Später fahre ich wieder auf einem Pickup, allerdings sitzen immer zwei Polizisten mit mir hinten auf der Ladefläche, während einer oben aus der Plane herausschaut, das Sturmgewehr griffbereit neben sich. Viele tragen Sturmhauben und ihre Gesichter sind vermummt. Ich merke wie mir etwas mulmig zu Mute wird. Vor drei Wochen gab es hier einen Anschlag auf einem Markt bei dem 50 Menschen gestorben sind. Auf meine Frage wie gefährlich Pakistan ist heißt es nur: „Quetta very dangerous, other cities no, only Quetta“. So werde ich in der Polzeistation untergebracht, umringt von hohen Mauern, Sandsäcken und Wachen.

2 thoughts on “Belutschistan”

  1. Lieber Moritz
    Es ist sehr cool wieder von dir zu hören. Dein Bericht klingt einfach nur abgefahren. Ich kann mir sehr schlecht vorstellen, wie es sein muss, so zu reisen.
    Ist es üblich, dass Ausländer in Pakistan so behandelt werden, also von der Polizei in dem Maße bewacht und begleitet werden und auf Polizeistationen übernachten? Und wofür gibt es so viele Checkpoints?
    Reist du durch Quetta nur durch oder kannst du dir auch die Stadt anschauen etc.?
    Auf jeden Fall klingt es nach Erlebnisse, die du so schnell nicht vergessen wirst.
    Viele Grüße aus Hannover
    Annkathrin

    1. Ja es ist üblich, dass man als Ausländer in Belutschistan auf Schritt und Tritt von der Polizei überwacht wird. Die Checkpoints sind einfach zur Sicherheit. Auf der Polizeistation muss man nicht zwingend übernachten, aber wenn man nicht ins teuerste Hotel der Stadt möchte bleibt einem nichts anderes übrig. Jedenfalls ist es eine guter Einstieg um sich an die neuen hygienischen Umstände anzupassen. Wenn man die Toiletten und Duschen dort überlebt hat schockt einen nichts mehr in Pakistan! 😉

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