Türkei all inlusive

Ist denn die Geschichte der geehrten Gäste Abrahams zu dir gelangt? Da sie bei ihm eintraten und sprachen: „Frieden!“, sprach er: „Frieden!“ (…) Und er ging stillschweigend zu den Seinen und brachte ein gemästetes Kalb. Und er setzte es ihnen vor. Er sprach: „Wollt ihr nicht essen?“

51:24 f Koran

Wenn ich morgens aufbreche, meinen Rucksack schultere und mich an die Straße mit erhobenem Daumen stelle, weiß ich meist nicht, wo ich am nächsten Abend schlafen werde.  Für manch einen mag das eine Belastung sein, nicht zu wissen was auf einen zukommt, nicht zu wissen ob man nächste Nacht ein Dach über dem Kopf hat. Auch ich habe mir in den letzten Tagen häufig gewünscht wieder etwas mehr Routine und Alltag, im Sinne eines festen Ortes, zu haben.
Jedoch dann wieder merke ich, wie mich der Reiz des Ungewissen fasziniert und mir wird erneut bewusst, warum ich diese Art des Reisens gewählt habe. Gestern noch bin ich abends am Strand vor Alanya angekommen, habe meine Isomatte neben einer Strandtoilette ausgerollt und hatte das Glück, zehn Gehminuten entfernt eine Moschee zu finden in der ich mich zumindest grob waschen konnte. Nachts wurde ich dann so von Mücken zerstochen, dass ich mein Zelt aufbauen musste, was zur Folge hatte, dass ich zwar nicht zerstochen, dafür aber im eigenen Saft gekocht wurde. Etwas gerädert stand ich also am nächsten Morgen wieder an der Straße Richtung Antalya. Jedes Mal froh, wenn ich es wieder in ein klimatisiertes Auto geschafft hatte, wurde ich gegen Mittag von Servet mitgenommen.
Als Deutschtürke und Quereinsteiger in der Tourismusbrache, war er vor einigen Jahren zurück in sein Heimatland gekommen und hier im Süden als Tourismusführer, besonders deutscher Touristen, sesshaft geworden. Schon kurz nach dem Einsteigen, lud er mich zum Mittagessen in ein Hotel ein. So saß ich kurze Zeit später in einem Luxushotel und konnte mich an den meterlangen Buffets mit Salaten, Haupt- und Nachspeisen nach Herzenslust bedienen. Noch völlig überwältigt von dem für mich puren Luxus, fuhren wir anschließend weiter zu einem seiner Kunden. Auf dem Weg dorthin hörte Servet nicht auf zu schwärmen von den Schönheiten der Gegend. Zwischen dem, „Grand Canyon der Türkei“, „Kalksteinterrassen“ und der „zweitältesten Höhle der Welt“ weckte vor allem seine Beschreibung eines Sees mein Interesse. „Da gehst du bis zur Hüfte rein und siehst noch immer glasklar deine Füße, so sauber ist das Wasser“ und während ich noch ganz in Gedanken die ersten Schwimmzüge im See nahm, fügte er fast beiläufig hinzu: “Morgen fährt eine Reisegruppe von mir hin, wenn du willst kannst du mitfahren, Abfahrt ist viertel vor 6“. In meinen Gedanken einen dreifachen Freuden- Salto schlagend, versuchte ich nicht allzu breit zu grinsen und antwortete stattdessen, daß ich liebend gerne mitkommen würde und dafür auch noch einmal eine Nacht am Strand in der Nähe verbringen würde. In seiner betont gelassenen und ruhigen Art erwiderte Servet daraufhin nur, dass ich in einer seiner gerade unvermieteten Ferienwohnungen schlafen könne.

So kam es, dass ich wohl an einem der luxurösesten Orte meiner ganzen Reise übernachtete. Die ganze Ferienanlage ist vor kurzem neu errichtet worden. Von der Terrasse aus hatte ich einen weiten Blick auf Palmen und frisch gemähten Rasen. Etwa 30 Meter entfernt begann der 50 m lange Pool vor dem eine kleine Bar zum gemütlichen Zusammensitzen einlud. Ansonsten bot die Anlage noch einen Indoor Swimmingpool, ein Kino und eine Sauna.

Als ich die ersten Schwimmzüge nahm war es um meine Zurückhaltung geschehen. Breit grinsend räkelte ich mich im Wasser, drehte mich im Kreis während ich ab und auftauchte. Auch wenn es für die anderen Gäste die gemütlich im Wasser dümpelten wohl komisch ausgesehen haben muss,  war es mir in diesem Moment völlig egal. Ich genoss in vollen Zügen den Luxus, noch immer staunend und irgendwie nicht ganz glauben wollend, was mir heute passiert war. Den Rest des Tages legte ich die Beine hoch, telefonierte mit Freunden (endlich mal wieder schnelles Internet) und freute mich auf den morgigen Ausflug zum See und einer Ruinenstadt auf dem Weg dorthin.

Immer wieder stellt sich für mich die Frage, was die Menschen denen ich auf meiner Reise begegne, dazu bewegt, mir mit solcher Offenheit und Herzlichkeit zu begegnen. Ich weiß es bis jetzt nicht und sicher hat jeder meiner Gastgeber seine eigenen Gründe. Vielleicht wollen sich manche nur präsentieren, oder sich mit mir, ihrem deutschen Freund zeigen? Anderen gefällt es vielleicht, zu sehen wie ich mich an den Dingen erfreue und meiner Dankbarkeit Ausdruck verleihe. Wieder ein anderer will eventuell den Ruf seines Landes verbessern oder ich lebe den Traum den er nie leben konnte oder es sich nicht getraut hat. So unterschiedlich die Gründe auch sein mögen und sicher habe ich nur einen Bruchteil erwähnt, so haben sie doch alle eines gemeinsam. Es kommt weniger drauf an was gegeben wird, sondern vielmehr auf die Geste und die Haltung mit der es geschieht. Ich habe mich unglaublich über Servets Gastfreundschaft gefreut, genauso habe ich mich aber auch gefreut in Pakistan von einem Bauern zum Fisch-Frühstück eingeladen zu werden. Dabei ist es vor allem eines, was mich bei jeder Einladung zutiefst berührt, wenn mich Menschen in ihr eigenes Zuhause aufnehmen. Es ist das Vertrauen das sie mir dabei entgegenbringen. Das Vertrauen das sie in mich, einen völlig Fremden setzen.
Was aber kann ich den Menschen zurückgeben, angesichts solcher Großherzigkeit? Vielleicht ist es ja doch wie in vielen Kinderbüchern oder Märchen, dass sich der Kreis am Ende schließt und alles zurückkommt. Servet jedenfalls meinte, dass ich das Selbe auch für ihn (oder einen anderen) getan hätte. Ja vermutlich hätte ich das und darin liegt vielleicht auch ein Teil der Möglichkeiten, etwas zurückzugeben. Ich will das, was mir an Schönem während meiner Reise widerfahren ist mit anderen teilen. Sei es mit einem Bericht, einem Artikel oder tatsächlich damit, dass ich einen Reisenden bei mir aufnehme und so vielleicht das Vertrauen das in mich gesetzt wurde an anderer Stelle weiterwächst.

Zu guter Letzt möchte ich aber noch einmal Servet von ganzem Herzen danken. Danke für deine deine Offenheit, dein Vertrauen und deine unvoreingenommene Herzlichkeit. Du hast mir ein unvergessliches Erlebnis auf meiner Reise beschert.  


1 thought on “Türkei all inlusive”

  1. Lieber Moritz,
    es ist schon einige Zeit her, dass ich (Leonie) einige wenige deiner Einträge gelesen habe. Damals hatte ich noch meinen Eltern von deinem Blog erzählt – bei dem Namen „der Bergdoktor“ wissen sie seit dem ersten Studienjahr, um wen es geht – und ihnen gesagt, sie müssten unbedingt auch deine abenteuerlichen Erzählungen durchstöbern.
    Nachdem ich viele Wochen wieder mit anderen Dingen beschäftigt war, habe ich mit Sören hier in Bulgarien wieder das Lesen aufgenommen. Seit Ende August sind wir in Varna; wir haben so viel Zeit wie wir sie seit Anbeginn des Studiums nicht mehr hatten und wir verbringen viel davon mit Lesen. Dabei war u.a. auch das Buch „Nicht ohne meine Tochter“, welches im Iran spielt. Umso faszinierender ist es deine Berichte zu lesen, die u.a auch in diesem Land spielen. Nach 3 Tagen des abendlichen und morgendlichen Berichtevorlesens sind wir heute wieder auf der letzten Seite dieses „Buches“ angekommen und wünschten, wir könnten noch mehr von deiner Welt des Reisens erfahren… Dass dich deine Rückreise gar nicht weit von unserem Zuhause auf Zeit vorbeigeführt hat, erweckt bei uns zu den Gedanken, dass wir dich doch so gut zu einem Zwischenstopp zu uns hätten einladen können.
    Bei all dem, was du erlebt hast, hoffen wir, dass du dich trotzdem wieder in der normalen Welt mit Uni und relativ wenig Abenteuer einfinden kannst. Sicher bringt das Erlebte viele Momente des Zweifelns darüber mit wie die unsrige Welt funktioniert.
    Wir freuen uns, dass du so einmalige Erlebnisse machen konntest.
    Sonnige Grüße aus Bulgarien von Sören & Leo

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