Mit leisem Klicken wechselt die die Farbe des Scanners als ich mein elektronisches Armband über die schwarz glänzende Oberfläche halte. Die Tastenfelder sind jetzt freigegeben und nachdem ich den ersten Stock gewählt habe setzt sich der Aufzug fast unmerklich und leise summend in Bewegung. Im Eingangsbereich des nagelneuen Studentenwohnheims angekommen wiederhole ich den Scanprozess, um durch elektrisch betriebene Glastüren in den Vorraum des Empfangsbereichs zu gelangen. Der Wachmann hinter dem Tresen wirft mir einen prüfenden Blick zu um gleich wieder die vielen Bildschirme zu betrachten, auf denen sämtliche öffentlichen Bereiche des Gebäudes zu sehen sind.
Als ich auf die Straße trete zerzaust mir ein kräftiger Wind
die Haare. Wieder einmal kommt mir die deutsche Übersetzung von Baku in den
Sinn. Die Stadt der Winde – was für ein treffender Name. Fast täglich weht
durch die langen Straßen und um die hohen, glänzenden Wolkenkratzer ein
kräftiger Wind, der mich an manchen Abenden trotz sommerlicher Temperaturen
frösteln lässt.
Vorbei an einem Supermarkt in dem es neben russischem Kwas, tunesischen Datteln
und türkisch Delight auch Erdinger Weißbier gibt, laufe ich zu einer kleinen
gläsernen Bushaltestelle. Ein moderner Niederflurbus bringt mich anschließend
zur Uferpromenade, bezahlt wird elektronisch mit der Baku Card. Die 15 ct
werden mit einem leisen Piepen automatisch abgebucht.
Am Meer angekommen, schlendere ich gemütlich über die Promenade und meine
Gedanken schweifen in die Ferne.
Gerade geht die Sonne unter und viele der verspiegelten Türme Bakus glänzen
gelb-gold. Besonders auffallend sind dabei die drei Flammentürme auf einem
Hügel über der Altstadt. Majestätisch erheben sie sich, wobei die konkav und
konvex geformte, reflektierende Oberfläche zu jeder Tageszeit ein Spiegel des
Lichtes über der Stadt ist. Die ganze Nacht über werden verschiedene
Lichtspiele auf die Fassade projiziert. Mal fahnenschwingende Menschen, mal
Wasserfälle am häufigsten jedoch züngelnde Flammen.
Schon seit langem haben die Menschen hier eine besondere Beziehung zum Feuer.
Reich an Erdöl und Erdgasvorkommen, die dicht unter der Oberfläche liegen,
verehrten die Menschen früherer Zeiten das Feuer oder sahen es als Medium zu
einer höheren Welt. Wirklich nachvollziehen konnte ich dies erst, als ich
selbst an einem der brennenden Felsen stand, in deren Nähe die alten Tempel
erbaut wurden. Überall dringt aus den Spalten und Rissen Erdgas und einmal
entfacht brennt es unermüdlich, häufig über Jahre und Jahrzehnte. Wie das wohl
auf die Menschen der Vergangenheit gewirkt haben muss? Ein Fels der brennt,
aber doch nicht verbrennt. Später verdankte das Land seinen großen
wirtschaftlichen Aufschwung im 19. Jahrhundert, den reichen Ölvorkommen, die
jedoch bis heute nur einige wenige sehr reich werden und viele andere haben arm
bleiben lassen.
Mittlerweile bin ich bei einem blinkenden Riesenrad
angekommen. Modisch gekleidet, tummeln sich zahlreiche Menschen um das
Kassenhäuschen, schreiende Kinder rennen zwischen den Erwachsenen hin und her.
Mein Blick schweift zum Horizont und mit leicht zusammengekniffenen Augen, sind
gegen den dunkler werdenden Himmel, auf dem Meer kleine schwarze Punkte zu
erkennen. Wirken die Ölplattformen am Horizont noch klein und unscheinbar, erschlägt
einen an Land die schier unglaubliche Größe. Noch nie habe ich derart monströse,
menschengemachte Maschinen gesehen. Bei meiner Ankunft in Baku sehe ich von der
Straße aus einige Plattformen, wie riesige lauernde Kraken, zur Wartung im
sanften? Wasser vor der Küste liegen. Die vier Standbeine sind fast völlig
hochgefahren und ragen weit in den strahlend blauen Himmel. Auch wenn ich die
Stahlgerippe nur von weitem im Vorüberfahren sehe, wird mir zum ersten Mal
wirklich bewusst, was für einen immensen Aufwand wir mittlerweile betreiben, um
unseren Durst nach Energie zu stillen.
Die kleinen Ölpumpen am Festland mit ihren immer gleichsam monoton nickenden
Köpfen, wirken dagegen wie Spielzeuge. Fast überall um Baku sind sie zu finden.
Unermüdlich, wie das Pendel einer Uhr nicken sie hoch und runter, hoch und
runter. Von hohen Wellblechmauern umgeben wirken sie für mich wie Vögel, die
völlig lethargisch, seit Jahren versuchen die gleichen Körner aufzupicken, ohne
zu merken, dass sie in einem endlosen Kreislauf gefangen sind.
Mittlerweile ist die Sonne gänzlich untergegangen und die
Uferpromenade füllt sich mehr und mehr mit Menschen. Sie tragen schicke,
westliche Kleidung, kurze Röcke, Prada Hemden. Immer wieder hört man das
Aufheulen von Sportwagen und etwas weiter entfernt am Ufer glitzert der
Kristallpalast, eigens für den Eurovision Song Contest 2012 gebaut. Alles ist
sauber, kaum Abfall liegt herum, die Grünflächen der vielen kleinen Parks am
Ufer sind gepflegt. Vorbei geht es an einem schicken Restaurant das sich
„little Venice“ nennt. Auf dem Parkplatz dahinter stehen deutsche Autos.
Porsche, Mercedes, Audi, AMG.
Seit gut drei Wochen bin ich jetzt in diesem Land, doch je länger ich hier bin
und je öfter ich an der Uferpromenade entlangschlendere, desto mehr beschleicht
mich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Alles wirkt so perfekt. Die Straßen,
die Häuser, das Lächeln des Eisverkäufers, der zu deutschen Preisen, versucht
türkisches Eis zu verkaufen. Zu perfekt wirkt für mich die herausgeputzte Altstadt.
Wo sind die armen Menschen hier? Wo die Obdachlosen? Wo die Menschen die keinen
Porsche Cayenne fahren?
In den ersten Tagen habe haben mich die großen Plätze begeistert und kleinen
gemütlichen Cafes verführt. Nachts bin ich mit leuchtenden Augen durch die
Straßen gelaufen, fasziniert von der aufwändigen Beleuchtung der Altstadt. Je
länger ich jedoch hier bin, desto mehr fehlt mir etwas. Etwas das sich
authentisch anfühlt, das sich nicht so anfühlt als wurde es extra für mich, hier
oder dort arrangiert. Es fühlt sich an als wäre ich vom Reisenden zum Touristen
geworden.
An einem Wochenende fahre ich mit ein paar Freunden in ein Dorf das uns sehr
empfohlen wurde, weil es das typische Aserbaidschan zeigen soll und besonders
für sein Handwerk bekannt ist. Zwischen einigen Kupferschmieden finden wir
jedoch hauptsächlich Stände mit den immer gleichen Anhängern die aussehen als
wären sie im Internet gekauft worden, unter der Überschrift: „Dinge die
Touristen gerne kaufen“. Was hat noch einmal eine Miniatur AK-47 die ich mir um
den Hals hängen kann, mit Aserbaidschan zu tun? Einmarsch der Russen 1920?
Ich fühle mich, als bewegte ich mich in einer Blase, die mir
das zeigt was ich sehen soll, was schön ist, was gut aussieht. Das echte
Aserbaidschan, das mit den Wiedersprüchen, mit der Armut, das Menschen zeigt,
die nicht von dem Ölreichtum profitieren, sehe ich kaum. Bald einen Monat bin
ich nun hier aber noch immer habe ich das Gefühl das Land und seine Leute kaum
zu kennen. Natürlich habe ich auch Kontakt zu Einheimischen, wie anderen
Studenten oder Ärzten im Krankenhaus. Es bleibt aber meist bei einem
oberflächlichen Kontakt. Wirklich in die Kultur einzutauchen gelingt mir kaum.
Dabei ist die Zeit trotzdem wunderschön, nur eben das Land erlebe und erfahre
ich wenig. Fast jeden Abend ziehen wir, eine Gruppe bunt gemischter
Medizinstudenten aus aller Welt, durch die Stadt. Wie sehr dabei die
kulturellen Unterschiede unser Beieinandersein bereichern ist in fast jedem
Gespräch und in jedem lauten Lachen zu spüren.
Trotzdem freue ich mich, bald weiter zu ziehen, nach Georgien, wieder in die
Türkei und dann in den Irak nach Kurdistan. In all die Vorfreude auf den
letzten Monat meiner Reise mischt sich jedoch auch jetzt schon eine sanfte
Freude wieder heim zu kommen, gemischt mit einer leichten Traurigkeit, dass sich
diese erlebnisreiche und so intensive Zeit nun bald dem Ende zuneigt.

Lefteris aus Griechenland 
Explodierender Schlammvulkan 
13 Nationen 
In der Hitze Gobustans 
Alte Sovietautos üben einfach eine gewisse Faszination aus 

Chicken Sadj 
Brennende Felsen 
Altstadt von Baku 

Traditioneller Kupferschmied 
Eingang einer alten Karavanserei 
Virginia aus Italien 
Moritz aus Deutschland 😉 
Heydar Aliyev Center





….und Deine Patienten? Normalerweise findet man ja einen Bevölkerungsquerschnitt unter den Kranken….es sei denn, man ist in einer Klinik, die sich nicht alle leisten können….gute Reise Dir noch!
Das Krankenhaus war teilweise staatlich und teilweise privat finaziert. Die Patienten mussten für fast alles ein „Trinkgeld“ drauf zahlen. Da ich auf der Neonatologie war, waren die Patienten alle „gleich“ und von den Eltern habe ich tatsächlich dort wenig bis gar nichts mitbekommen.
Meine Fahrt von Baku nach Tbilisi war dann aber sehr schön und ein volles Eintauchen in aserbaidschanische Kultur und Gastfreundschaft 🙂