Mit atemberaubender Geschwindigkeit tauche ich ein in ein neues Land. Alles fühlt sich anders an. Die Straßen, die Klänge und Gerüche, die Begegnungen. Selten habe ich intensiver den Unterschied zwischen zwei Ländern gefühlt. Gerade noch am Strand von Astara aufgewacht, in der plätschernden Herzlichkeit der Iraner und umgeben vom persischen, verhaltenen und höflichen Lächeln, blitzen mir kaum hinter der Grenze zu Aserbaidschan mit lautem Lachen, goldene Schneidezähne entgegen. Der Umgangston scheint mir deutlich rauer und direkter geworden zu sein. Zahlreiche Taxifahrer packen mein Handgelenk und versuchen mich zu ihren Fahrzeugen zu ziehen. Noch die Zurückhaltung der Iraner gewohnt, winde ich mich verärgert aus den Griffen. Den Blick gerade ausgerichtet, jeglichen Kontakt und alle Pfiffe ignorierend, versuche ich den Grenzbereich schnellstmöglich zu verlassen und in die Stadt auf der anderen Seite einzutauchen. Es fühlt sich an als liege mehr als ein grüner Grenzfluss zwischen den zwei Städten, die beide den gleichen Namen tragen. Das aserbaidschanische Astara fühlt sich russisch rau an. Das wuselige Durcheinander der iranischen Basare fehlt völlig, die Straßen sind fast leer und die Häuser sind einfach aber rustikal, Blechbaracken fehlen völlig. Es liegt kaum Müll auf der Straße und die Besitzer der kleinen Läden schauen mir nur mit stummen Blicken nach, manch einer erwidert mein Nicken oder murmelt mir ein „Priviet“ entgegen.
Auch anhand der Autos könnte man erkennen, dass ich nicht mehr im Iran bin. Zahlreiche alte Mercedes-Benz Limousinen und Lada’s kommen mir entgegen. Die immer gleichen weißen Peugeot‘s des Irans fehlen völlig.
250 km will ich heute noch nach Baku fahren ohne im Geringsten zu wissen, ob das Reisen per Anhalter hier überhaupt funktioniert. Nach 10 Minuten hält jedoch schon das erste Auto und mit Erleichterung stelle ich fest, dass das Wort “Awtostop” bekannt ist. Zwar werde ich trotzdem nach Geld gefragt, aber mit Hilfe meines “Tramptextes” aus der Türkei lässt sich schnell Klarheit schaffen. Die drei Männer sind sichtlich stolz darauf, einen Deutschen in ihrem Mercedes mitzunehmen. Dass auch ich nicht ganz frei von Vorurteilen bin, merke ich, als ich in dem Auto sitze und spüre wie ungewohnt und etwas unwohl ich mich zwischen den vielen Goldzähnen, dem Zigarettenrauch und der männlichen Dominanz (mir fällt kein besseres Wort ein) fühle. Lachend wird die Musik aufgedreht und aus den Lautsprechern trommeln rhythmische Klänge zu denen begeistert geklatscht wird und die an einen Mix aus Balkanmusik und russischer Folklore erinnern. Voller Stolz wird mir erklärt, dass das aserbaidschanische Musik ist.
Nachdem ich von den drei am Stadtausgang abgesetzt werde, dauert es nicht lange und schon hält ein Auto. Der Fahrer will mich jedoch nur für Geld mitnehmen und so warte ich weiter. Schon kurz darauf hält ein weiteres Auto und nimmt mich ohne zu zögern mit in die nächste Stadt. Das Trampen fühlt sich jedoch anders an. Der Mann ist kurz angebunden, lächelt kaum ist aber dabei nicht unfreundlich. Samtweich saust der alte Mercedes über die neue Autobahn, die auf meiner Karte noch nicht einmal verzeichnet ist. Auch wenn ich die Leidenschaft und Begeisterung für deutsche Autos nicht ganz teile, so kann ich sie in diesen Momenten doch nachvollziehen. Wo man in iranischen Autos mächtig durchgeschüttelt wird, gleicht hier die Federung mühelos jegliche Unebenheiten aus und ich merke kaum, dass wir schon 120 km/h fahren.
Als wir uns unserem Ziel nähern macht mir mein Fahrer deutlich, dass er mich gerne zum Tee einladen möchte. Noch an die iranische Höflichkeit gewöhnt, lehne ich natürlich erst einmal ab. Voller Unverständnis und fast etwas beleidigt, schaut mich der Mann an und ich merke, dass ich noch keinerlei Ahnung von der Kultur dieses Landes habe. Als ich ein zweites Mal eingeladen werde stimme ich zu und zufrieden nickt mein Fahrer um anschließend wieder zu schweigen.
Bei einem Teehaus angekommen setzen wir uns. An den vereinzelten Tischen sitzen nur Männer. Etwas unsicher versuche ich ein Gespräch zu beginnen und lerne die ersten Vokabeln. Danke (Sag ol), sehr gut (tzoch jachsche), Hallo (Salam). Überrascht stelle ich fest, dass der Ausdruck für “Bitte sehr” (nusche zan) der gleich wie im Persischen ist. Dann haben sich meine Mühen Persisch zu lernen ja auch etwas für Aserbaidschan gelohnt. Zu dem Schwarztee, der hier in einer Kanne serviert wird, gibt es Zitronenscheiben und statt Zucker eine Mischung aus Honig, eingelegten Früchten und Walnüssen. Wieder einmal bin ich fasziniert davon, Unterschiede und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Kulturen zu erfahren. Allein über die Art und Weise wie Tee in den verschiedenen Ländern auf meinem Weg getrunken wird, ließen sich vermutlich Bücher schreiben. Bekommt man in der Türkei meist Schwarztee in Gläsern ohne Henkel und löst den Zucker direkt im Tee, so nimmt man im Iran einen ganzen Zuckerwürfel in den Mund und trinkt anschließend Schluck für Schluck den Tee dazu. Der Zucker ist jedoch kein normaler Würfelzucker, sondern fühlt sich an wie gepresst damit er sich nicht so schnell auflöst. Je nachdem wie schnell man trinkt, kommen auf ein Glas Tee 2 bis 3 Stück Zucker. In manchen Gegenden des Irans gibt es auch Kandiszucker mit Safranfäden, wobei dieser Zucker dann doch im Tee gelöst wird.
Geht man weiter nach
Pakistan ändert sich der Tee komplett. Zwar wird auch hier Schwarztee
getrunken, jedoch mit reichlich Milch und häufig, für unsere Verhältnisse, Unmengen
von Zucker. Dabei werden alle Zutaten zusammen für 5 Minuten gekocht. Der
Milchanteil variiert zwischen 40 und fast 100%. Doch nicht nur Schwarztee gibt
es hier, sondern auch Grüntee wird zum ersten Mal angeboten, auf dieselbe Art
und Weise zubereitet, nur ohne Milch. Eine Gemeinsamkeit aller Länder ist aber,
dass Tee trinken eine große soziale Bedeutung hat. Ein Zusammensein ohne Tee
ist fast undenkbar. Auch wenn man sonst nichts im Haus hat, Tee ist immer da
und fast immer heiß. Einem Gast Tee anzubieten ist das mindeste und meist das
erste was mir häufig angeboten wird. Dabei gibt es kaum Unterschiede zwischen
den Gesellschaftsschichten oder Generationen. In Izmir in der Türkei verkauft
ein Mann Tee im Park an Studenten, ein Trucker lädt mich im Iran zum Tee ein
und ein Biker in den Bergen Pakistans hält für fünf Minuten um sich in einer
Teestube kurz auszuruhen.
Für mich wirkt es fast so, als ist Teetrinken eine Form, worin sich das, im
Vergleich zu Deutschland, ruhigere Lebensgefühl der Menschen hier ausdrückt.
Als der Tee ausgetrunken ist stehen wir mit einem kurzen Nicken wortlos auf und
10 Minuten später werde ich an der Autobahnauffahrt Richtung Baku abgesetzt,
dem Mann hinterher winkend, der mich mit solch selbstverständlicher
Liebenswürdigkeit in Aserbaidschan willkommen geheißen hat. Gerade einmal seit zwei
Stunden im Land, kann ich natürlich noch nicht viel über die Menschen sagen,
aber es fühlt sich an als verstecke sich hinter der, im ersten Moment
verschlossen wirkenden Ernsthaftigkeit, eine ehrliche Liebenswürdigkeit oder
anders ausgedrückt, eine „raue Herzlichkeit“.










Lieber Moritz,
Wenn ich deine Texte lese überkommt mich jedes mal ein mitfieberndes Gefühl der Freiheit. Einfach einmal tun und lassen können was der Moment einem gibt. Zu schade, dass deine Abenteurer-Reise sich schon einem zweiten Ende nähert. Viele von den was du schilderst kann auch ich nur bruchstückeeise nachvollziehen… doch mit jeden Erlebnis mit jeder Erfahrung die du auf diesem Wege teilst fühle auch ich mich immer mehr mit hinübergenommen in diese ferne Welt,, Danke dir von Herzen dafür, dass du uns mitgenommen hast auf diese weite Reise!!
Bleibe weiterhin gesund und unbeschadet.
Viel Spaß bei deiner Famulatur 🙂
LG aus der Prüfungszeit…