Wie sehr ich es schätze mit Soheil unterwegs zu sein und wieviel mehr ich dabei noch über die Menschen die mir begegnen erfahre, wenn kaum Sprachbarrieren vorhanden sind, merke ich, als wir gemeinsam nach Zabol, einer kleinen Stadt 200km nördlich von Zahedan, trampen. Wiedermal sitzen wir auf Plastik. Dieses Mal kann ich mir jedoch die Frage, warum über den Sitzen immer noch der originale Plastiküberzug ist, nicht verkneifen. Mit Soheils Übersetzung erzählt der Fahrer, nennen wir ihn im weiteren Ali, dass er „beruflich“ viel mit Diesel arbeitet und deshalb das Plastik nicht abgezogen hat. Das erklärt auch den intensiven Geruch nach Kraftstoff, der mir seit dem Einsteigen in der Nase liegt. Was folgt und was mir Soheil währenddessen und Später im Detail übersetzt, klingt wie das Drehbuch eines Actionfilms, auch wenn es für die Menschen hier bittere und häufig auch tödliche Realität ist.
Nirgendwo sonst im Iran ist der Diesel so billig wie hier, nahe der afghanischen und pakistanischen Grenze. Arbeit fehlt an allen Ecken und Enden und so haben sich die Menschen aus der Not heraus neue Wege gesucht ihre Familien zu ernähren und den Schmuggel von Diesel als mehr oder weniger lukratives Geschäft entdeckt, so auch Ali.
Gerade auf dem Rückweg von der Polizeiwache wo unser Fahrer sein Auto nach einem Monat Konfiszierung abgeholt hat, nachdem er erwischt wurde, ist er schon wieder auf dem Weg um neue Kanister zu laden. Fünf Stück à 220L kann der Peugeot fassen, jedoch nur dank verstärkter Federung. Auch sonst ist das Auto für den Einsatz an einigen Stellen modifiziert. Über einen Schalter kann der Fahrer ein Benzin-Öl Gemisch in den heißen Auspuff einspritzen, sodass bei der Verbrennung massiver Rauch hinter dem Fahrzeug entsteht, was das Zielen mit Schusswaffen und ein Verfolgen deutlich erschwert. Auch der Motor ist aufgerüstet, was gleich unter Beweis gestellt wird, als Ali im Stadtverkehr kurzerhand auf 170km/h beschleunigt. Das ganze Auto vibriert und ich merke, dass auch Soheil sichtlich unwohl ist. Vergeblich versuche wir beide uns noch anzuschnallen, doch unter dem Plastik sind die Anschnaller auf die Schnelle nicht zu finden. Lachend steigt unserer Fahrer in die Eisen, als wir uns einer Rüttelschwelle nähern. Erleichtert lachen auch Soheil und Ich auf, noch im vollen Adrenalinrausch und mir entfährt ein lautes „ach du Scheiße“.
5-10 Mal pro Monat fährt Ali den Kraftstoff von einem Lager in der Stadt zu einem anderen Lager mitten in der Wüste, nahe der Grenze. Dabei umfährt er jeden Polizeicheckpoint und verdeckt zur Sicherheit noch seine Nummernschilder. Die zwei länglichen Pappschilder liegen auf dem Armaturenbrett.
Von dem Lager in der Wüste aus wird der Diesel dann von einem weiteren Fahrzeug, das sehr viel geländegängiger ist und dessen Mitfahrer schwer bewaffnet sind, wie er uns auf einem Handyvideo zeigt, über die Grenze nach Afghanistan gebracht. Von Anfang bis Ende sind mindestens fünf Menschen involviert, dementsprechend klein sind auch die Gewinnspannen. Von dem Besitzer einer gefälschten Tankkarte (hier besitzt jedes Auto eine individuelle Tank-Kreditkarte) über den Käufer der den Diesel holt, den Besitzer eines Lagers in der Stadt, den Fahrer zur Grenze und den Fahrer über die Grenze bekommt jeder einen kleinen Teil des Gewinns. Ein Liter Diesel kostet hier umgerechnet 3,5 ct (v.a. auch durch den extrem schwachen Rial derzeit).
Während sich Soheil und unser Fahrer auf Persisch unterhalten beobachte ich gespannt ihre Gesichter. Ali spricht mit ruhiger Stimme und lächelt hin und wieder zurückhaltend. Soheil neigt sich leicht zu ihm hin und seinem wachen Blick ist zu entnehmen, dass er kein Wort verpassen will. Plötzlich, nach einem langen Passus von Ali, fährt dieser wilde Schlenker auf der Straße und macht dazu Schussgeräusche. Noch auf der Rückbank hin und her rutschend frage ich Soheil gespannt nach einer Übersetzung. Vor zwei Monaten hatte sich die Polizei an einer neuen Stelle in der Wüste auf die Lauer gelegt um die Schmuggler zu erwischen. Früh erkannte Ali jedoch das Versteck und konnte gerade noch umdrehen, nicht jedoch ohne, dass ihm ein Reifen zerschossen wurde. Bei der anschließenden Verfolgungsjagt durch die Wüste, gelang es ihm kurz seine Verfolger abzuschütteln und in einem kleinen Seitental den Reifen zu wechseln. Kurz darauf wurde er jedoch wiederentdeckt und unter vollem Einsatz von Rauch und allem was der Motor hergab versuchte er erneut zu entkommen, wobei die Schlangenlinien ein zu leichtes Zielen auf seine Reifen verhindern sollten. Wie genau er schlussendlich entkommen konnte haben Soheil und ich nicht verstanden aber anscheinend war es ihm zumindest bei diesem Mal gelungen, bis er einen Monat später bei einer ganz normalen Polizeikontrolle erwischt wurde.
Noch immer gebannt von der Geschichte frage ich, ob Ali nie überlegt hat einer anderen, weniger gefährlichen Arbeit nachzugehen. Mit vorwurfsvollen Blick übersetzt mir Soheil: „There is no other job“ und ich merke, dass ich diese Frage gestellte habe ohne auch nur eine Ahnung von den Lebensumständen hier zu haben. Wenn selbst ein gut gebildeter junger Mann wie Soheil mit einem Bachelor in Architektur fast keine Möglichkeit hat eine Arbeit zu finden, wie soll dann der Sohn eines einfachen Landwirtes, der nicht einmal lesen kann dann genug Geld für eine Familie verdienen.
Zum Abschied stellt mir Ali noch eine Frage. Sein Bruder hat seit einer Verletzung der Wirbelsäule bei einem Autounfall vom Brustbein abwärts kein Gefühl mehr und kann auch seine Beine nicht mehr bewegen. Jetzt fragt Ali mit Hoffnung in der Stimme, ob es in Deutschland irgendeine Möglichkeit gibt, dass sein Bruder wieder Gesund wird. Traurig antworte ich: „No, there is no help in Germany “.





Das oben abgebildete Auto ist nicht das Auto unseres Fahrers sondern eines der vielen die in den Straßen von Zabol zu finden sind. Nachdem ich dieses Bild aufgenommen habe (mit Erlaubnis des Eigentümers) gab es etwas gespielte Unruhe in der Straße. Hier ist der Dieselschmuggel ein derart offenenes Geheimnis, dass nicht einmal versucht wird es zu verstecken, sich die Jungs drum herum aber nicht den Spaß nehmen lassen die wenigen Ausländer, die fotografieren zu verunsichern, was ihnen auch gelungen ist.
Ansonsten steht dort eigentlich ja auch nur ein Auto und ein paar Plastikkanister…
Hallo Moritz,
Faszinierend schoen, was Du zu berichten hast!
Alte, verschuettete Erinnerungen steigen auf, wenn ich Deine wunderbaren Beschreibungen lese.
Wusstest Du, dass Dein Besuch in Tirana vermutlich mit einer Begegnung am Van See vor mehr als 35 Jahren zu tun hat?
….Ewigkeit schwingt über ihnen Kreise, Bricht die Sense des Saturns entzwei…..(Schiller).
Lass Dir Gedichte von Hafis vortragen. Er war ein bedeutender, persiche Dichter, der die deutschen Dichter inkl. Goethe stark beeinflusste! Durch ihn wurde ‚Persien‘ zum Sehnsuchtsort in der deutschen Romantik…mir scheinen die deutschen Uebersetzungen viel sproeder, als die urspruengliche Dichtung auf Persisch/Arabisch:
„Wer keine Liebe sä’t und nicht
der Schönheit Rosen pflückt,
Wacht ängstlich über Tulpen, die
des Sturmes Tosen pflückt. “
oder:
„Gleichgültig ist dem Auge höchster Liebe
Die Form der Anbetung im Weltgetriebe.
Ob aus Moschee, aus Kloster oder Weinhaus:
Wie kommen Alle doch zuletzt ins Beinhaus.“
oder (wie sich die Welt von heute und Hafis um Jahrhundert fruehere Zeit gleicht):
„Wie lange seufz‘ ich noch im Dunkeln,
des Herzenslichts beraubt,
Bald gramvoll mir die Finger beißend
und bald auf’s Knie gestützt das Haupt?
Der Wolf kam an des Löwen Stelle
und die Geduld entschwand;
Die Rohheit nahm den Herrscherzügel,
da floh auch der Verstand.
O Vogel guter Botschaft, schwinge
zu uns Dein Flügelpaar,
Dass unser Volk bald wieder werde
geehrt, wie’s weiland war! “
Lausche der persischen Musik, treffe Musiker und ander Kuenstler – oder finde die letzten Qaschqai Nomaden bei Shiraz (Hafis Geburtsstadt)
Alles Gute !!! Ronald
Danke Ronald für deinen ausführlichen Kommentar.
Die Gedichte sind sehr schön und ich werde auf meinem Rückweg versuchen jemand zu finden der sie mir im Original vorträgt.
Liebe Grüße soll ich aus Tirana ausrichten 😉